• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Stasi-Mitarbeiter spionierte seit Parteigründung

07.10.2009

BERLIN Man stelle sich vor, ein Plan der SED wäre Wirklichkeit geworden: Kurz nach dem Fall der Mauer unternahmen Mittelsmänner im Auftrag der SED-Führung einen Sondierungs-Versuch bei der Bonner SPD zur Vereinigung der beiden Parteien. Sie gingen zu Hans-Jochen Vogel und schlugen ihm folgenden Plan vor: Wir lösen die SED in ihre ursprünglichen Bestandteile KPD und SPD auf.

400 000 Mitglieder bleiben bei der KPD, 800 000 wechseln zur SPD. Auch das nicht unerhebliche Vermögen, das seitdem verschwunden ist, sollte auf beide Parteien verteilt werden. Doch Vogel habe das Angebot abgelehnt, so berichtet der letzte DDR-Kultusminister Dietmar Keller.

Über die Gründe mag man rätseln. Die SPD wäre im Falle eines solchen Massen-Beitritts keine West-Partei mehr gewesen, sondern ihr Ost-Teil hätte die Mehrheit gehabt. Dann gab es ja den Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD, wonach kein SED-Mitglied aufgenommen werden durfte. Der Beschluss kam auf Wunsch vor allem der Ost-SPD-Politiker wie Markus Meckel und Stephan Hilsberg zustanden. Sie hatten Angst vor einer Unterwanderung ihrer Partei durch die alten SED-Kader.

Willy Brandt wollte das anders. Er hatte 1989/90 den Parteifreunden beim Umgang mit SED-Mitgliedern geraten: Wenn Sie sich menschlich etwas hätten zu Schulden kommen lassen, „packt sie an den Hammelbeinen“, so rief Brandt einst bei einer Kundgebung in Magdeburg. Er riet dazu, sich jeden Einzelnen anzuschauen. Eine Art Radikalen-Erlass aber wollte der Alte nicht.

Im frühen Herbst des Jahres 1989 begannen Oppositionelle um Markus Meckel, Stephan Hilsberg und Martin Gutzeit die Gründung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR, kurz SDP genannt, bewusst mit dem Buchstabendreher, um die Behörden nicht zusätzlich zu provozieren. Am 18. September 1989, also vor 20 Jahren, einigten sich ein paar Dutzend Ostdeutsche, zumeist evangelische Pfarrer, auf den neuen Partei-Namen. Gegründet wurde sie dann am 7. Oktober in einem Gemeinderaum im Pfarrhaus von Schwante (Kreis Oranienburg). Man hatte den Ort bewusst gewählt, weil er Fluchtmöglichkeiten über einen benachbarten Friedhof bot.

Die SDP-Gruppe arbeitete beinahe wie ein Geheimdienst, dabei war die Stasi über jeden Schritt informiert. Saß doch einer der ihren unter den Gründungsmitgliedern, Ibrahim Böhme. Ein Hoffnungsträger der ostdeutschen SDP und der späteren SPD. Willy Brandt führte ihn in die Bonner SPD ein. Böhme bekam Gelegenheit, sein angeblich so schweres Schicksal bei einem Abend in der Berliner Landesvertretung bis in die frühen Morgenstunden auszubreiten. Die anwesenden 40 bis 50 Korrespondenten einschließlich Brandt waren den Tränen nahe, als Böhme von Verhaftungen, Malträtierungen, von Schlägen sprach, von Folter. Wochen später platzte die Bombe und der populäre Böhme musste gehen und landete arm und vergessen irgendwo im Hinterhaus und verstarb sehr früh. Ein schwerer Schlag für die SPD in ihren Anfängen.

Der Fall Böhme und der Unvereinbarkeitsbeschluss zeigen, wie schwer sich die SPD im Osten tat. So blieb die SPD für viele Menschen aus dem Osten verschlossen. Sie ist Minderheit geworden in Sachsen und anderswo und dies gilt selbst in den Milieus, in denen sie früher zu Hause waren: In sozialen Brennpunkten, bei Niedrigverdienern und in den Gewerkschaften. Und überall stoßen sie auf die Linke, die sich breit gemacht hat, und der Debatten über die eigene Vergangenheit, über die Stasi, über Opfer und Täter wenig bis nichts anzuhaben scheint.

Weitere Informationen und eine Infografik zur Berliner Mauer.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.