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Krankheit Der Wettlauf mit dem Coronavirus

Martin Oversohl

Stuttgart - Um die drastischen Maßnahmen gegen die ungebremste Ausbreitung des Coronavirus zu verstehen, hilft eine alte Legende. Demnach durfte sich der Erfinder des Schach von seinem Herrscher einen Lohn wünschen. Er ließ die 64 Felder des Bretts mit Reiskörnern belegen. Auf das erste Feld sollte ein Korn kommen, dann jeweils doppelt so viele auf das nächste. Das Ergebnis dürfte der Herrscher damals unterschätzt haben: Auf dem letzten Feld hätten mehr als 18 Trillionen Reiskörner platziert werden müssen. Bei der Coronavirus-Epidemie fürchten Experten, dass die Zahl der Infektionen ähnlich rasant steigen könnte.

Außer Kontrolle

Deshalb sei es wichtig, den Anstieg mit Einschränkungen wie dem Verbot von Großveranstaltungen, dem Ausschluss von Fans aus den Fußballstadien und der Schließung von Schulen zu drosseln. Es gehe „um das Gewinnen von Zeit“, sagt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Strategie.

Viele Wissenschaftler gehen derzeit beim Coronavirus Sars-CoV-2 davon aus, dass ein Infizierter im Durchschnitt in etwa drei Menschen ansteckt. Es sei ein häufiges Muster bei Epidemien, dass die Fallzahlen exponentiell zunehmen, erklärt Gérard Krause, der Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung. Diese Form von Wachstum sei „einfach nur Ausdruck dessen, dass ein Mensch mehrere weitere Menschen anstecken kann, die dann wiederum ebenfalls jeweils noch mal mehrere Menschen anstecken können“.

Dieses Tempo soll gebremst werden, indem neue Ansteckungen so gut wie möglich unterbunden werden. Krause rät zu einem „Bündel von Maßnahmen“ vom Händewaschen bis zum Veranstaltungsverbot.

Denn gerät die Zahl der Ansteckungen außer Kontrolle, könnte auch das deutsche Gesundheitssystem ins Wanken geraten. Für die meisten Infizierten verläuft die Krankheit zwar weitgehend harmlos, einige werden sie noch nicht einmal bemerken. Doch etwa 20 Prozent erkranken schwerer. Auf die Krankenhäuser könnten daher viele zusätzliche Patienten zukommen.

Im Notfall

Dennoch zeigt sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) optimistisch: „Wir sind früh dran, wir haben von den anderen Ländern wie Italien gelernt“, sagt DKG-Präsident Gerald Gaß. Bislang sei es gelungen, die infizierten Menschen genauer zu erfassen, als dies in anderen Ländern der Fall sei. Deshalb seien anders als in Italien auch erst wenige Menschen gestorben. „Wenn man die Gegenmaßnahmen konsequent weiterführt, dann kann es gelingen, den Anstieg der Erkrankungszahlen abzuflachen.“

In deutschen Krankenhäusern stehen laut Statistik rund eine halbe Million Betten, etwa jedes vierte ist im Jahresdurchschnitt nicht belegt. „Wenn wir nun davon ausgehen, dass sich jeder zweite Mensch in Deutschland irgendwann mit dem Virus infiziert, ist es wichtig, die Zahl so gut wie möglich zu strecken“, sagt Gaß. Möglich sei dies auch, indem Kliniken weniger notwendige Operationen auf einen späteren Zeitpunkt verschöben und infizierte Ärzte und Pfleger im Notfall sogar weiter arbeiteten, sofern sie keine Symptome zeigten. „Gelingt das zum Beispiel durch den starken Eingriff der Politik, dann bin ich überzeugt, dass wir gut gerüstet sind“, sagt Gaß.

„Es gibt auch historische Ereignisse, die uns zeigen, dass das Steuern wichtig ist“, sagt Gaß und erinnert an die Spanische Grippe, die nach dem Ersten Weltkrieg 1918 und 1919 weltweit viele Millionen Menschen das Leben kostete. „In den USA reagierten Städte unterschiedlich bei der Auswahl und dem Zeitpunkt für die Maßnahmen, mit denen sie die Verbreitung der Krankheit eindämmen wollten“, heißt es dazu in einer US-Studie aus dem Jahr 2007. Das Ergebnis: Wer schnell und drastisch handelte, verhinderte hohe Todesraten.

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