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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Tiefpunkt einer leidvollen Geschichte

25.02.2013

Im Nordwesten Sie hießen Anton, Winter, Krause, Mechau, Weiß und Hartlage mit Namen. Doch in den Augen der Nationalsozialisten waren sie „artfremd“ – die etwa 75 Sinti im Oldenburger Land, die vor genau 70 Jahren, am 3. März 1943, verhaftet und in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht wurden. Die meisten von ihnen lebten auf dem Ziegelhof-Gelände in Oldenburg, wo sie in Wohnwagen und teilweise auch im Haus der Familie Franksen (Besitzer des Ziegelhof-Restaurants) wohnten.

Den Befehl zur Deportation der Sinti aus Deutschland hatte der oberste SS-Führer Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 erteilt. Im Februar begannen die Deportationen. So auch in Oldenburg und Bohlenberge bei Zetel (Landkreis Friesland).

Am 3. März 1943 umstellten Polizisten das Gelände am Ziegelhof in Oldenburg. In Pritschenautos wurden die Sinti-Familien in die Polizei-Kaserne am Pferdemarkt gebracht. Am nächsten Tag brachte man sie, eingepfercht in Güterwaggons, nach Hamburg. Von dort wurden sie ins Konzentrationslager Au­schwitz verschleppt, in aller Regel in das so genannte Zigeunerlager Birkenau. Nur wenige von ihnen überlebten.

Überlebt in der Heide

Unter den Deportierten war auch die Familie Otto Mechau – acht Erwachsene, zehn Kinder im Alter zwischen ein und 13 Jahren. Zwei der Kinder sind nach den Forschungen des Oldenburger Historikers Günter Heuzeroth und des Zetelers Karl-Heinz Martinß von dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele wegen ihrer verschiedenfarbigen Augen für grausame Experimente missbraucht worden. Nach den Versuchen wurden der fünfjährige Feigi und das Mädchen Nuta getötet. Die einzigen Überlebenden der Familie Mechau waren die Brüder Hugo und Strebold.

Die Polizei war an jenem 3.  März 1943 auch im Zeteler Ortsteil Bohlenberge. Dort standen an der Horster Straße, in einer kleinen Senke, die Wohnwagen der Familie Frank. Bis zum Krieg waren die Franks mit ihrem kleinen Wanderzirkus im Land umhergezogen, eine Manege gab es nicht, wohl aber einen Tisch, auf dem die Franks Kunststücke vorführten. Anschließend wurde mit der Mütze Geld gesammelt.

Ab 1939 durften Sinti nicht mehr umherziehen, sondern mussten an dem Ort bleiben, wo sie gerade waren. So auch die Sinti-Familie Reinhold Schmidt in Aurich. Sie lebte zunächst in einer Gaststättenwohnung in der Mühlenstraße in Aurich. Ein örtlicher Gestapo-Beamter soll die drohende Deportation im März 1943 verhindert haben. Die Schmidts zogen Anfang 1945 mit ihrem Wohnwagen in die Ahlhorner Heide, wo sie das Kriegsende erlebten.

Umherziehen verboten

Die Familie Frank blieb nach dem „Festsetzungsbeschluss“ 1939 auf dem Grundstück an der Horster Straße in Bohlenberge, wo die vier kleineren Kinder gegenüber zur Schule gingen. Georg Frank arbeitete in der nahen Sandkuhle am Driefeler Esch, Grete in einer nahen Gärtnerei. Zur Familie gehörten die Kinder Hans, Otto, Ella, Frieda, Ursula und Angela sowie die älteren Kinder aus Grete Franks erster Ehe: Margot Franz (damals 18, die in Varel in einer Schuhfabrik arbeitete), der ältere Sohn Anton Franz arbeitete bei einem Bauern, und ein weiterer Sohn, Erwin, lebt nicht mehr bei der Familie.

Die Deportation überlebten nur Margot und Anton sowie Erwin. Das Häftlingsbuch des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau nennt die Häftlingsnummern: 3482 für Grete Frank (damals im 45. Lebensjahr), 3487 für Margot Franz (die den Namen ihres Vaters trägt, der verwirrenderweise dem zweiten Familiennamen ähnelt).

Die kleine Angela (Häftlingsnummer 3486 im „Zigeunerlager“ für Frauen), vier Jahre alt, als sie nach Auschwitz gebracht wird, stirbt am 28. März 1943, nur wenige Tage nach ihrer Deportation. „Angina phlegmonosa“ (eine Mandelentzündung) vermerkt der Standesbeamte des Konzentrationslagers am 24.   Mai 1943 als Todesursache. Grete Frank stirbt wie ihre Kinder und ihr Mann Georg im Konzentrationslager. Sohn Anton überlebt das KZ Buchenwald beziehungsweise das KZ Mittelbau-Dora. Er lebt nach dem Krieg in Münster, wo er 1992 stirbt.

Auch Tochter Margot wird am 3. März 1943 in Varel „abgeholt“, sie wird zunächst nach Birkenau gebracht, 1944 nach Ravensbrück ins KZ gebracht, anschließend nach Krasnitz in der Tschechoslowakei, wo sie in einer Munitionsfabrik arbeiten muss. Der Deportation in ein Vernichtungslager entkommt sie durch einen Sprung aus dem Güterwagen. Sie setzt sich in einem Flüchtlingsstrom ab und marschiert amerikanischen Truppen entgegen.

Einer, der sich gewehrt hat, ist der Sinto Walter Stanoski Winter (geboren 1919) aus Wittmund. Er wird zunächst zur Marine eingezogen. Als seine Herkunft herauskommt, wird er nach Auschwitz deportiert. Er nimmt 1944 an einem Aufstand der Sinti und Roma teil, die ihre Ermordung fürchten. Die geplante Vergasung wird abgebrochen, Winter überlebt den Holocaust.

Nach dem Krieg endet die Stigmatisierung der Sinti nicht. Sie leben in Behelfssiedlungen, ernähren sich als Hausierer oder Schrotthändler. Anita heiratet den Sinto Friedrich Schwarz, die Familie lebt in einer Barackenwohnung am Schlagbaumweg in Oldenburg. Friedrich Schwarz, ebenfalls ein Holocaust-Überlebender, handelt mit Schrott (den Behörden ein Dorn im Auge), Anita mit Kurzwaren. Sie stirbt nach schwerer Krankheit 1984 in Oldenburg. Sie wurde auf dem katholischen Friedhof begraben.


Mehr Infos unter   www.sintiundroma.de 
Hans Begerow
Leitung
Politik/Region
Tel:
0441 9988 2091

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