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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Trauma bleibt im Bewusstsein RAF-Terror Mit der Schleyer-Entführung begann am 5. September 1977 der „Deutsche Herbst“

03.09.2007

BERLIN Hanns Martin Schleyer lässt sich am 5. September 1977 nachmittags von seinem Chauffeur nach Hause fahren. Seinem Auto folgen drei Personenschützer in einem zivilen Polizeiwagen. Um 17.25 Uhr, kurz vor dem Ziel, fährt plötzlich ein Auto von rechts auf die Fahrbahn. Von links rollt ein blauer Kinderwagen herbei. Schleyers Fahrer bremst hart, der zweite Wagen fährt auf.

Die RAF-Terroristen eröffnen das Feuer aus Sturmgewehren, der unbewaffnete Chauffeur und die drei Polizisten sterben im Kugelhagel. Der Arbeitgeberpräsident selbst bleibt unverletzt. Die Täter zerren ihn aus dem Dienstwagen und brausen in einem VW-Bus davon.

Es scheint so, als ob jener „Deutsche Herbst“ des Schreckens immer wieder zurückkehrt. Nicht nur für diejenigen, die um ihre von den Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) ermordeten Angehörigen und Freunde trauern. Auch die deutsche Gesellschaft lassen die Ereignisse des Jahres 1977 einfach nicht los. Die Entführung und Ermordung Schleyers, die Geiselnahme an Bord der Lufthansa-Maschine „Landshut“ und der Selbstmord von drei in Stammheim einsitzenden RAF-Terroristen waren der traumatische Höhepunkt einer Terrorwelle, deren Folgen auch 30 Jahre später spürbar sind.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Der islamistische Terror, die Entführung von Deutschen im Irak und in Afghanistan und die verschärften Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland legen Vergleiche mit der damaligen Bedrohung nahe. Auch steht die RAF 2007 selbst wieder im Blickpunkt und entfacht neue Kontroversen. Die früheren Terroristinnen Brigitte Mohnhaupt, Organisatorin der Schleyer-Entführung, und Eva Haule haben ihre Mindesthaftstrafen verbüßt und sind wieder auf Bewährung in Freiheit. Das Gnadengesuch von Christian Klar lehnte Bundespräsident Horst Köhler nach dessen kontroversem Grußwort für eine linke Veranstaltung indes ab.

Gleichzeitig rufen neu entdeckte Tonbandmitschnitte aus den Stammheim-Prozessen und die erstmals veröffentlichte Begründung der Urteile die damaligen Fronten zwischen dem Staat und seinen erbitterten Gegnern wieder in Erinnerung. Und auch drei Jahrzehnte später bleiben viele Fragen offen: Wer erschoss Generalbundesanwalt Siegfried Buback, das erste RAF-Mordopfer des Jahres 1977, wer feuerte die tödlichen Schüsse auf Schleyer? Ganz zu schweigen von den Anschlägen der sogenannten dritten Generation der RAF – die Morde an Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder 1989 und 1991 wurden nie aufgeklärt.

Auch auf Theaterbühnen und im Kino ist die RAF nach wie vor ein Thema. Am Stuttgarter Staatstheater sammelte Schauspieldirektor Claus Peymann 1977 Geld für die zahnärztliche Behandlung der in Stammheim inhaftierten Terroristen und provozierte damit harsche Kritik. In diesem Jahr eröffnet sein Nachfolger Hasko Weber die Saison mit drei Projektwochen unter dem Motto „Endstation Stammheim“. Und als „Der Baader Meinhof Komplex“, wie der heutige „Spiegel“- Chefredakteur Stefan Aust sein Buch über die RAF nannte, wird die Geschichte der Terroristen derzeit fürs Kino neu verfilmt.

Die RAF löste sich laut Mitteilung ihrer bis heute unbekannten letzten Mitglieder 1998 auf. Viele ehemalige Terroristen führen nach verbüßter Haft wieder ein normales Leben – ein Umstand, der im Fall der heute in Bremen als Lehrerin arbeitenden Susanne Albrecht sogar Thema im Landtagswahlkampf im kleinsten Bundesland war. Das frühere RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock präsentiert als Talkshow-Gast seine Version des „Deutschen Herbstes“, die meisten seiner früheren Komplizen jedoch scheuen die Öffentlichkeit. Sie äußerten sich zwar hier und dort nachdenklich, zu einem aufrichtigen Bedauern der Mordtaten hat sich die RAF aber nie durchgerungen. Strafrechtlich mag dies ohne Bedeutung sein, wohl aber für die andauernde Debatte über den „Deutschen Herbst“ und seine Nachwirkungen.

Schleyer – der Mann mit dem markanten Schmiss im Gesicht – ist 1977 eine der Symbolfiguren der deutschen Wirtschaft: Seit 1963 im Vorstand von Daimler-Benz,

seit 1973 Präsident der deutschen Arbeitgeber, seit Januar 1977 zusätzlich Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Wegen seiner Vergangenheit im Dritten Reich – Schleyer war früh Mitglied der SS, dann Nazi-Studentenführer und schließlich an einflussreicher Stelle im besetzten Prag tätig – war er nicht zuletzt für die StudentenBewegung eine Reizfigur.

Der 62-Jährige hinterließ Frau und vier Söhne. In seinem Geburtsort Offenburg ist eine Straße nach ihm benannt. In Köln, wo bei Schleyers Entführung sein Fahrer und drei Polizisten erschossen wurden, stehen eine Stele und ein Kreuz mit Fotos der Opfer.

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