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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

75 Jahre Ekd: Neuanfang mit Schuldbekenntnis

17.08.2020

Treysa /Hannover Mit einem leisen Klick öffnet Direktor Maik Dietrich-Gibhardt die schwere Holztür zu dem historischen Ort. Eine Metalltafel gleich links davor erläutert, was hier im Saal der Hephata-Kirche im nordhessischen Treysa vor genau 75 Jahren geschah: 120 Männer aus 28 Landeskirchen wagten drei Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen Neuanfang und gründeten mitten in einem zertrümmerten Land die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). „Das macht uns schon stolz“, sagt Dietrich-Gibhardt (55), seit sechs Jahren Leiter des hessischen Diakoniezentrums „Hephata“: „Als Gründungsort der EKD hat Treysa eine bleibende Bedeutung.“

Die Chronik des Zentrums gibt noch Einblick in die Ereignisse von damals. „Die Zahl der Teilnehmer wuchs ständig“, notierte der frühere Hephata-Direktor Friedrich Happich (1883-1951) in kursiver Schreibmaschinenschrift. Nur 47 Teilnehmer hatte der württembergische Landesbischof Theophil Wurm (1868-1953) für die Konferenz vom 27. bis 31. August angemeldet – am Ende musste die Einrichtung einschließlich der Tagesgäste bis zu 140 Herren in abgenutzten Anzügen beherbergen und verköstigen.

Keine Staatsfixierung

Alle Teilnehmer waren sich einig, dass nach der NS-Zeit eine neue Dachorganisation an die Stelle der 1933 gegründeten, staatsfixierten „Deutschen Evangelischen Kirche“ treten musste. Doch sie trugen Konzepte im Gepäck, die unterschiedlicher kaum sein konnten, wie der Münchner Kirchenhistoriker Harry Oelke erläutert.

So strebte Bischof Hans Meiser (1881-1956) aus München eine Konfessionskirche der Lutheraner an, in der die reformierten und unierten Protestanten nur am Rande vorkommen sollten. Martin Niemöller (1892-1984) dagegen, in der NS-Zeit Symbolfigur der kirchlichen Opposition gegen Hitler, plädierte für eine „Kirche von unten“: Von den Gemeinden her sollte sie sich aufbauen und ihre Schuld am Nazi-Unheil bekennen.

„Vulkan“ Niemöller

Immer wieder gerieten der „Vulkan“ genannte Niemöller und der „Eisberg“ Meiser im Kirchsaal von „Hephata“ aneinander. „Sie haben es kaum zusammen in einem Raum ausgehalten“, sagt Oelke. Die Konferenz drohte zeitweilig zu platzen. Dass es nicht dazu kam, ist zum großen Teil dem Stuttgarter Bischof Wurm zu verdanken. Wurm galt wegen seines Protests gegen das Euthanasie-Programm der Nazis zur Tötung geistig behinderter Menschen als moralische Autorität. Er wollte die zerstrittenen Gruppen der kirchlichen Opposition zusammenführen.

Nach hitzigen Diskussionen einigten sich die Kirchenvertreter in Treysa auf einen Kompromiss: die Vorläufige Ordnung für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Darin wird die Eigenständigkeit der Landeskirchen betont.

Eine Lektion aus den Erfahrungen der NS-Zeit war die neue Leitungsstruktur mit einem zunächst zwölf Personen umfassenden Rat aus Theologen und Laien an der Spitze. Erster EKD-Ratsvorsitzender wurde Wurm, sein Stellvertreter Niemöller. In den Rat rückte auch der Jurist und spätere Bundespräsident Gustav Heinemann (1899-1976).

Die Konferenz hatte weitreichende Folgen: Im Oktober 1945 bekannten die Protestanten in der Stuttgarter Erklärung ihre Mitschuld am Nazi-Unheil: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Dieses Bekenntnis ebnete dem deutschen Protestantismus den Weg zurück in die weltweite Gemeinschaft der Kirchen.

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