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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Unentschieden im Skagerrak

06.08.2014

Admiral John Jellicoe war der Verzweiflung nahe. „Ich wünschte, jemand könnte mir sagen, wer dort schießt, und worauf man schießt,“ stöhnte er am späten Nachmittag des 31. Mai 1916 auf der Brücke seines Flaggschiffs. Die dramatische Situation machte seine Nervenanspannung verständlich. Jellicoe kommandierte die Grand Fleet, das Herzstück der britischen Royal Navy. Nicht ohne Grund bezeichnete ihn sein einstiger Vorgesetzter Winston Churchill nach dem Krieg als „den einzigen Mann, der in der Lage war, den Krieg an einem einzigen Nachmittag zu verlieren.“

Der 31. Mai 1916 war dieser Tag, an dem Wohl und Wehe des britischen Weltreichs an den Fähigkeiten eines Mannes hingen. Unter Jellicoes Oberbefehl fuhren nicht weniger als 151 Kriegsschiffe zum dänischen Skagerrak, um sich hier die größte Schlacht der modernen Seekriegsgeschichte zu liefern; mit einem Gegner, der den Briten zwar an Zahl deutlich unterlegen, an Ausrüstung, Ausbildung und Kampfentschlossenheit jedoch mindestens ebenbürtig war: der Deutschen Hochseeflotte.

Der Kommandant der Hochseeflotte, Vize-Admiral Reinhard Scheer, führte an diesem Tag 100 Schiffe ins Gefecht, und er tat dies in einer im Grunde genommen verzweifelten Situation. Denn schon sehr bald nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 hatte sich gezeigt, dass der mit gewaltigen politischen und finanziellen Kosten verbundene Bau der Deutschen Hochseeflotte auf einer grandiosen Fehlkalkulation beruhte.

Die Marinestrategen unter der Führung von Admiral Alfred von Tirpitz hatten der deutschen Öffentlichkeit in den anderthalb Jahrzehnten vor Kriegsausbruch geradezu gebetsmühlenartig eingebläut, dass Deutschland, wenn es seine Stellung in der Welt behaupten oder gar ausbauen wolle, einer großen Kriegsflotte bedürfe. Diese Kriegsflotte, mit schweren Schlachtschiffen als Rückgrat, sollte in der Lage sein, die britische Seeherrschaft nicht gleich zu brechen, aber doch zu gefährden. Und zwar durch eine große Schlacht in der Nordsee.

Dumm nur, dass die britischen Admirale nach Kriegsausbruch ihren deutschen Kollegen keineswegs die Freude bereiteten, sich einer solchen Entscheidungsschlacht zu stellen. Stattdessen beschränkte sich die Royal Navy darauf, eine Seeblockade einzurichten, die Deutschland von lebenswichtigen Warenimporten abschnitt, eine wenig heroische, aber höchst wirksame Maßnahme. So stellte sich bald heraus, dass auf den deutschen Werften in der Vorkriegszeit einfach die falsche Flotte gebaut worden war, mit der man nun im Grunde nichts anzufangen wusste. Nur sechs Wochen nach Kriegsausbruch schrieb der bis dahin politisch so versierte Admiral Tirpitz am 14. September 1914 an seine Frau: „Wenn der liebe Herrgott der Marine nicht hilft, so sieht es schlimm aus.“ Und es sah schlimm aus. Angesichts der immer höheren Verluste in den Schützengräben der Westfront fragte eine zunehmend erboste deutsche Öffentlichkeit nach dem Nutzen der kostspieligen Hochseeflotte. Im Marineamt erkannte man, dass es energischer Maßnahmen bedurfte, wenn man die Existenzberechtigung der Flotte sichern wollte.

Das Unternehmen, zu dem Reinhard Scheer, der das Kommando über die Hochseeflotte Anfang 1916 übernommen hatte, am 30. Mai dieses Jahres aufbrach, hatte genau diesen Sinn: die Engländer zu einer Schlacht zu provozieren, in der zumindest ein Prestigeerfolg möglich wäre. Zu diesem Zweck sollte das „Aufklärungsgeschwader“ unter Konteradmiral Franz Hipper, das im Wesentlichen aus den kampfkräftigen Schlachtkreuzern Lützow (Hippers Flaggschiff), Derfflinger, Seydlitz, Moltke und Von der Tann bestand, vor der norddänischen Küste den englischen Handelsverkehr stören und damit das Eingreifen der Royal Navy provozieren. Danach sollte Hipper den Gegner nach Süden locken, wo das Gros der Hochseeflotte unter der Führung Scheers in einem Abstand von 60 Seemeilen den Kreuzern folgte.

Der Plan war kühn und durchdacht, aber auch von Anfang an durchschaut, weil die Briten schon 1914 in den Besitz des deutschen Funk-Codes gelangt waren. Sie schickten den Deutschen am 31. Mai dementsprechend ihre gesamte Grand Fleet entgegen. Doch was sich dann am Nachmittag des 31. Mai 1916 im Skagerrak abspielte, als zunächst die Schlachtkreuzer-Geschwader und dann, in den Abendstunden, die beiden Haupt-Flotten aufeinander trafen, war ein ebenso dramatisches wie chaotisches Wechselspiel von Zufällen, geprägt vor allem von den unzulänglichen Kommunikationsbedingungen. Während sich die riesigen Schlachtschiffe mit ihren schweren Geschützen dank moderner Feuerleitsysteme und Fernsichtvisiere über viele Kilometer hinweg wirksam unter Feuer nehmen konnten, steckte die Funktechnologie noch in den Kinderschuhen, so dass die Befehlsübermittlung oftmals nach alter Tradition über Flaggensignale erfolgen musste. Die Konsequenzen für die Kommandanten hat der britische Historiker Corelli Barnett in ein anschauliches Bild gefasst: Scheer und Jellicoe glichen „Blinden, die einen Wagen nach den Anweisungen anderer fahren, Blinden aber, die jeden Augenblick die Sehkraft zurückgewinnen konnten, dann die Entscheidung über die günstigste Gefechtsformation für 20 und mehr Schlachtschiffe zu fällen hatten und entsprechend klare Befehle erteilen mußten – und das mit der Schnelligkeit, mit der ein Autofahrer einem Hund ausweicht.“

Am Ende der Schlacht mit ihren zahlreichen überraschenden Szenewechseln stand ein taktischer Erfolg der Deutschen, die ihrem Gegner Verluste beigebracht hatten, die doppelt so hoch waren wie die eigenen. Doch was in der deutschen Presse als historischer Erfolg bejubelt wurde, erwies sich aus strategischer Sicht als schwere Niederlage. Angesichts ihrer manifesten zahlenmäßigen Unterlegenheit hatte sich die Hochseeflotte in die Heimathäfen zurückziehen müssen. Die Seeherrschaft blieb den Briten. Und daran würde die Hochseeflotte auch unter den günstigsten Umständen nichts ändern können. So forderten die deutschen Admiräle nach der Skagerrakschlacht mit vermehrtem Nachdruck den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, um Großbritannien in die Knie zu zwingen und so den Krieg zu entscheiden. Als sie mit dieser Forderung im Frühjahr 1917 durchdrangen und der uneingeschränkte U-Boot-Krieg ausgerufen wurde, zwang dieser das britische Empire zwar durchaus nicht in Knie, entschied den Krieg aber trotzdem: indem er das Eingreifen der USA auf Seiten der Alliierten provozierte.

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