Hannover - Zugausfälle, Verspätungen und längere Reisezeiten, aber auch ein stabiler Ersatzfahrplan: Der Streikbeginn der Lokführer hat am Donnerstag in Norddeutschland für massive Einschränkungen im Bahnverkehr gesorgt. „Das große Chaos ist aber ausgeblieben. Etwa 30 Prozent der Nah- und Fernverkehrszüge in Niedersachsen fahren, unser Ersatzfahrplan ist stabil, wir haben niemanden stehen lassen müssen“, erklärte Egbert Meyer-Lovis, Presssprecher der Deutschen Bahn für die Bereiche Hamburg/Schleswig-Holstein/Niedersachsen/Bremen, auf Nachfrage dieser Zeitung.

Seit Beginn des Streiks fuhren im Regional- und S-Bahn-Verkehr je nach Region 15 bis 40 Prozent der Züge, teilte die Bahn mit. Sie wertete das reduzierte Aufkommen der Reisenden auch als Hinweis darauf, dass sich viele ihrer Kunden auf die Situation eingestellt haben. Viele Pendler stiegen auf das Auto um. Das große Verkehrschaos blieb aber aus. „Nur zu den Stoßzeiten war es auf den Straßen in Niedersachsen etwas voller“, sagte ein Sprecher der Verkehrsmanagementzentrale Niedersachsen.

Der Bahnstreik zum Ende der Herbstferien in Niedersachsen und Bremen drängt viele Urlauber zum Improvisieren bei der Wahl ihrer Transportmittel. Neben Alternativen durch Bus, Mietwagen oder Mitfahrzentralen suchten einige von ihnen auch den Luftweg und testeten neben Linien- auch die Möglichkeit von Charterflügen. „Wir spüren durchaus eine Zunahme der kurzfristigen Buchungen bei innerdeutschen Strecken“, sagte der für Norddeutschland zuständige Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber. Vereinzelt sei dem gestiegenen Bedarf durch den Einsatz von größeren Flugzeugen entsprochen worden.

Vor allem Fernbus-Unternehmen profitieren vom Streik. „Es gab einen enormen Zuwachs an Buchungen“, erklärte Bettina Engert vom Anbieter Flixbus, der alle seine Metropolverbindungen verstärkt. Auf der Strecke Hannover-Berlin werden etwa die täglich zehn Verbindungen zurzeit aufgestockt. Sparkontingente seien lange vergriffen, doch habe es keine Preiserhöhungen gegeben. Viele hatten bereits einige Tage im Voraus eine Verbindung gebucht. Andere Fahrgäste mussten spontan auf den Bus umsatteln. Zahlreiche Bahnfahrer wichen auch auf private Zuganbieter aus. Der Mitbewerber der Bahn in Niedersachsens Regionalverkehr, Metronom, hatte etwa 20 Prozent mehr Fahrgäste. „Wir gehen davon aus, dass es auch in den nächsten Tagen so bleiben wird“, sagte eine Sprecherin. Das Unternehmen werde alle Züge planmäßig einsetzen. Zudem halten die Züge wieder an S-Bahnstationen auf Regionalstrecken der Deutschen Bahn, für die dann allerdings Stationsgebühren und Energiekosten durch das Abbremsen und Anfahren der Züge anfallen. „Verdienen tun wir damit sicherlich nichts“, sagte die Sprecherin. Das außerplanmäßige Anfahren der S-Bahnhöfe gilt auch für die Strecke Hamburg-Stade an den Stationen Neugraben, Fischbek und Neuwulmstorf. Bei Hannover bedient werden die Haltestellen Bismarckstraße, Hannover-Messe/Laatzen, Rethen und Barnten sowie Bennemühlen, Bissendorf, Langenhagen-Kaltenweide und Langenhagen-Pferdemarkt.

Negative Auswirkungen hat der Lokführerstreik für die Gastronomie an den Bahnhöfen. Bäckereien und andere Verkaufsstände reduzierten im Vorfeld ihre Produktion und rechnen mit großen Umsatzeinbußen. „Normalerweise haben wir hier morgens ab fünf Uhr schon eine Schlange vor der Theke, heute kommen nur vereinzelte Leute“, sagte Bäckereiverkäufer Meinhard Grassmann am Hauptbahnhof in Hannover. Im Güterverkehr hatte der Streik schon am Mittwoch begonnen. Automobilhersteller Volkswagen vermeldete aber am Donnerstag keine größeren Probleme. „Aktuell läuft unsere Fertigung ohne Einschränkungen“, sagte ein Sprecher. Auch die niedersächsischen Häfen befürchten derzeit keine großen Einschränkungen. „Der größte Teil des Abtransports läuft über private Bahngesellschaften“, sagte ein Sprecher des landeseigenen Hafenbetreibers Niedersachsen Ports.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) befürchtet Milliardenschäden durch den Bahnstreik. Er kritisiert einem Bericht des in Berlin erscheinenden „Tagesspiegels“ (Freitag) zudem, dass der Streik für das Wochenende des 25. Jahrestages des Mauerfalls ausgerufen wurde.