Warschau/Oswiecim - Vor 25 Jahren wurde der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag unterzeichnet. Eigentlich sollte das Jubiläum in diesem Jahr groß gefeiert werden. In der Tat gibt es viele Veranstaltungen, Politikerreisen und Begegnungen. Doch Jubelstimmung sieht anders aus. Im Beziehungsstatus bei Facebook hieße das wohl: Es ist kompliziert.
Vieles, was nach Tausenden von Jugendbegegnungen, Hunderten Städtepartnerschaften, politischen Kontakten an Vertrauen und Freundschaft wuchs, scheint plötzlich infrage gestellt – jedenfalls, wenn es um die regierenden Nationalkonservativen in Warschau geht. In Reden im Parlament ist von der engen Partnerschaft mit Deutschland plötzlich nur noch knapp und nachgeordnet die Rede.
Stattdessen gibt etwa der nationalkonservative Parteichef Jaroslaw Kaczynski in regierungsnahen Medien Interviews, in denen er Deutschland regelrechtes Kolonialdenken in Bezug auf den östlichen Nachbarn vorwirft. Als zu Jahresbeginn auch deutsche EU-Politiker die umstrittenen Reformvorhaben in Briefen an Warschau rügten, kam von dort schnell eine Replik, die an die Schuld der Deutschen im Zweiten Weltkrieg erinnerte.
Verbindungen anderer Art knüpfen dafür in den Jubiläumstagen deutsche und polnische Jugendliche auf internationalen Jugendbegegnungen, etwa denen des Deutsch-Polnischen Jugendwerks, das am vergangenen Dienstag ebenfalls sein 25-jähriges Bestehen feierte. Oder auf gemeinsamen Gedenkstättenfahrten wie denen in die Internationale Jugendbegegnungsstätte Oswiecim, an dem Ort, der unter dem Namen Auschwitz zum Symbol nationalsozialistischen Völkermordes wurde.
Zu den Gradmessern der wechselseitigen Beziehungen gehört auch das deutsch-polnische Barometer, das von der Bertelsmann-Stiftung, der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Warschauer Institut für öffentliche Angelegenheiten (ISP) regelmäßig erarbeitet wird. Am Dienstag wurde in Warschau die neueste Studie vorgestellt. Sie macht Hoffnung, ist aber zugleich ernüchternd. Denn während 20 Jahre lang ständig bessere Bewertungen für das Nachbarland abgegeben wurden, zeichnet sich nun bei den deutschen Befragten mehr Skepsis ab.
Sorgen sich die Deutschen um die Pressefreiheit und den Rechtsstaat in Polen, ist den Polen der Untersuchung zufolge die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland suspekt. Doch es gibt auch Positives zu berichten: Die Zahl der Polen, die sich Deutsche weiterhin nicht nur als Kollegen und Nachbarn, sondern auch als angeheiratetes Familienmitglied vorstellen können, ist weiterhin groß. „Das ist kein riesiger Einbruch, sondern hoffentlich nur ein Knick“, sagt Agnieszka Lada vom ISP über das Polenbild der Deutschen. Gejammert werde gewissermaßen auf hohem Niveau.
