• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Vom Falken zum Friedenspräsidenten

08.10.2016

Oslo /Bogota Die Nachricht vom Friedensnobelpreis reißt ihn aus dem Schlaf. In Kolumbien ist es mitten in der Nacht, als die Osloer Jury Präsident Juan Manuel Santos am Freitag zum Nobelpreisträger macht. Der Politiker, früher als Verteidigungsminister für eine Militäroffensive gegen die linke Farc-Guerilla verantwortlich, hat zuletzt seine ganze Kraft zuletzt dem Ziel gewidmet, sein Land nach mehr als einem halben Jahrhundert des Bürgerkriegs zum Frieden zu führen. Gemeinsam mit dem Farc-Chef unterzeichnet er im September ein historisches Friedensabkommen.

Doch das Nein der Bürger zu dem Vertrag bei einer Volksabstimmung verpasst dem Friedensprozess einen gewaltigen Dämpfer. Der Nobelpreis soll Ansporn sein, die Hoffnung auf Frieden in Kolumbien nicht aufzugeben, erwartet die Jury. Doch die Vergabe an Santos ist gewagt.

Nach dem geplatzten Vertrag zwischen Regierung und Rebellen steht der Frieden in dem südamerikanischen Land auf wackligen Beinen. „Wir sind sehr nah dran“, meint Santos nach der Nobelpreiszuerkennung. Doch die Ablehnung des Abkommens hat das Misstrauen vieler Kolumbianer offenbart: Es war keine Entscheidung für weiteren Krieg, sondern gegen einen Vertrag, der vielen Bürgern zu soft ist. Auch die geplante politische Betätigung der Ex-Guerilleros stößt vielen bitter auf.

Der Weg zum Frieden ist noch lang. Und mit voreiligen Preisen hat sich das norwegische Nobelkomitee in früheren Jahren keinen Gefallen getan. Nach dem Preis für US-Präsident Barack Obama kurz nach dessen Amtsantritt 2009 hagelte es Kritik – im Rückblick betrachtet zu Recht. Auch die großen Erwartungen nach der Vergabe an den israelischen Ministerpräsidenten Izchak Rabin, seinen Außenminister Schimon Peres und PLO-Chef Jassir Arafat im Jahr 1994 blieben unerfüllt.

Den Preis an den kolumbianischen Präsidenten hält Friedensforscher Dan Smith trotzdem für richtig. „Das Komitee ehrt die Arbeit, die schon gemacht wurde, und ist Ansporn für die, die noch nötig ist“, sagt der Chef des Stockholmer Forschungsinstituts Sipri. „Es ist wichtig, die zu ermutigen, die für Frieden kämpfen.“ Das wolle Santos „bis zu seinem letzten Tag im Amt“ tun, lobt die Jury.

In Kolumbiens Hauptstadt Bogotá feiern Studenten, die auf dem Bolívar-Platz campieren und für die Umsetzung des Friedensvertrags demonstrieren. „Wir haben das mit Freude aufgenommen, weil wir immer darum gebeten haben, dass die internationale Gemeinschaft Kolumbien nicht im Stich lässt“, sagt ein Student.

Doch der Friedensprozess ist nicht nur dem Präsidenten zu verdanken, warnt die schwedische Außenministerin Margot Wallström nach der Verkündung: „Es gehören zwei zu einem Tango.“ Dass die Jury nicht auch den Chef der linken Farc-Guerilla, Rodrigo „Timochenko“ Londoño, ausgezeichnet hat, ist ungewöhnlich. Andererseits kann Londoño schlecht „belohnt“ werden, weil unter seiner Führung Verbrechen begangen wurden.

Ein Fehler? Die Begeisterung des Farc-Kommandeurs hält sich am Freitag jedenfalls in Grenzen. „Den einzigen Preis, den wir anstreben, ist der Frieden mit sozialer Gerechtigkeit ohne Paramilitarismus, ohne Vergeltung und Lügen“, twittert Londoño.

Die Gretchenfrage an dieser nach der Niederlage beim Referendum doch überraschenden Preisverleihung lautet: Nützt der Nobelpreis oder schadet er beim Ringen um dauerhaften Frieden in Kolumbien? Dass die Farc leer ausgeht, könnte ihre Bereitschaft, den Vertrag neu zu verhandeln, dämpfen. Warum sollen sie Zugeständnisse für strengere Strafen machen? Und die Gegner des Friedens werden sich auch von einem Friedensnobelpreis nicht umstimmen lassen. Santos wird erst noch sein Meisterstück abliefern müssen – ein Friedensschluss, der hält und von der Mehrheit des Volkes getragen wird.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.