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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Fernsehen: Wenn die Politik ins Private greift

17.02.2014

Berlin Fototermin im Schloss Bellevue, der Präsident sitzt am Präsidentenschreibtisch. „Eine Unterschrift“, ruft die Fotografin, der Präsident unterschreibt, Blitz.

„Das Staatstragende nicht vergessen“, ruft die Fotografin, der Präsident guckt staatstragend, Blitz.

„Das Handy“, ruft die Fotografin, „die Kanzlerin ruft an“, der Präsident hält das Handy ans Ohr, Blitz.

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Das Handy. Es wird in dieser Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen.

Aber jetzt kommt erst einmal Olaf Glaeseker ins Büro, Glatze, na klar, ansonsten ein bisschen zu klein, zu wuselig, zu kühl. Er sagt: „Ein Reporter der ,Bild‘ hat angerufen“. Es gehe da um einen Kredit für das Privathaus des Präsidenten in Burgwedel, „jetzt wollen sie wissen, wer der Kreditgeber ist“. „Das geht doch niemanden was an“, wundert sich der Präsident.

Geht es doch. Und während man als Zuschauer gerade noch überlegte, ob das überhaupt funktionieren kann: Kai Wiesinger als Bundespräsident Christian Wulff, mit Brille, na klar, aber ein bisschen zu hager, zu jung, zu sportlich, Holger Kunkel als Wulffs Sprecher Glaeseker, Anja Kling als Wulffs Ehefrau Bettina – da funktioniert es schon längst. „Der Rücktritt“, das Doku-Drama über die letzten 68 Tage Wulffs im Amt, hat einen gepackt.

Anruf aus der Limousine

Das liegt vielleicht am Stoff, vermutlich aber liegt es vor allem an Regisseur Thomas Schadt: Er zündet mit dem Auftritt Glaesekers eine Zündschnur an, die jetzt 88 Minuten lang auf ein Pulverfass zurast, schneller und schneller. Gebannt wartet man vor dem Fernseher auf den Knall.

Dabei ist der Ablauf hinlänglich bekannt. Regisseur Schadt setzt mit Hilfe von Nachrichtenbildern Erinnerungsmarken: Wulffs Wahl. Wulffs Vereidigung. Wulffs Einzug ins Schloss Bellevue. Wulffs „Der-Islam-gehört-zu-Deutschland“-Rede.

Ausstrahlung am 25. Februar

Das Doku-Drama „Der Rücktritt“ feiert an diesem Montag, dem Jahrestag des Wulff-Rücktritts, Premiere in Berlin. Auch das Ehepaar Wulff ist eingeladen – es ist aber unklar, ob das Paar kommen wird.

Sat.1 zeigt den Film am Dienstag, 25. Februar, ab 20.15 Uhr im Fernsehen.

Aber dazwischen setzt er mit Spiel-Szenen Neues; er zeigt, wie das Private zunehmend ins Politische einbricht. Staatsbesuch in Kuwait, das Präsidentenpaar sitzt mit den Scheichs in einer Staatslimousine: „Hat Olaf etwas erreicht?“, fragt Bettina Wulff. „Nee“, antwortet ihr Mann.

Dann das Handy, Wulff ruft bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann an. Der drückt ihn weg, es ist ja nur der Präsident, Wulff spricht auf die Mailbox, er redet von „Krieg“ und vom „Rubikon“, der „überschritten“ sei.

Einen Tag später, am 13. Dezember 2011, titelt die „Bild“-Zeitung: „Wirbel um Privat-Kredit – Hat Wulff das Parlament getäuscht?“

Olaf Glaeseker, der kluge Berater, sagt: „Der Anruf ist eine absolute Katastrophe.“

Es gibt immer neue Journalistenanfragen: nach Flitterwochen in der Toskana. Urlaub bei Freund Maschmeyer auf Mallorca. Bei Freund Gerkens in Florida. Mit Freund Groenewold auf Sylt. Und Kai Wiesinger und Anja Kling zeigen, wie nun das Politische ins Privat einbricht. Die Ehe leidet, es gibt Streit, Bettina Wulff sagt: „Die letzten Wochen waren die schrecklichsten in meinem Leben.“ Der Film macht die Gefühle sichtbar, die die Nachrichtenbilder nicht zeigen konnten.

Wulff zaudert. Wulff blockiert. Wulff taktiert: Er feuert seinen Freund Olaf Glaeseker. „Die Aufmerksamkeit liegt dann nicht mehr allein bei Ihnen“, rät man ihm. Ein persönliches Gespräch mit dem langjährigen Vertrauten lehnt er ab. „Trotzdem war es schön, ihn groß zu machen“, sagt Glaeseker, „er war ein guter Ministerpräsident.“ Aber Bundespräsident? „Das Amt hat ihn verdorben.“ Er weint.

Es gibt neue Schlagzeilen: über kostenlose Leihautos. Über Gratis-Designer-Kleider. Eine Umfrage zeigt, dass die Glaubwürdigkeit des Präsidenten auf bis zu 22 Prozent abgesackt ist.

„Bist Du Dir noch sicher, unbeschadet aus der Sache rauszugehen?“, fragt Bettina Wulff. „Aufgeben war noch nie meine Sache“, antwortet ihr Mann.

Schnitt, ein Blick ins Büro der „Bild“-Reporter Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch. „Aufgeben ist nicht unser Ding“, sagt Heidemanns.

Noch mehr Berichte, jetzt geht es um ein Bobbycar, das Wulff geschenkt bekommen haben soll. Die Wulff-Affäre wird zur Medien-Affäre.

Aber der Film „Der Rücktritt“ beschuldigt niemanden und entschuldigt nichts. Er erzählt von Dynamik und Kontrollverlust, und er stellt Fragen an den Zuschauer: Dürfen wir so miteinander umgehen? Und wie hättest Du Dich wohl verhalten?

Am Ende feilen sie im Schloss Bellevue an einer Rede. „Ich habe stets korrekt mich verhalten . . .“ Nein: „In meinen Ämtern korrekt mich verhalten . . .“ Besser: „In meinen Ämtern rechtlich korrekt mich verhalten . . .“ „Was soll das, jedes Wort dreimal umzudrehen?“, fragt Bettina Wulff. „Ein falsches Wort – und der Ehrensold kann in Frage stehen“, erklärt man ihr.

Fragen an den Zuschauer

Die Zündschnur hat das Pulverfass erreicht, rums. Die Staatsanwaltschaft beantragt die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten, ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik.

Am 17. Februar 2012 gibt es wieder einen Fototermin im Schloss Bellevue. Alle sind sie gekommen, um den Rücktritt im Bild festzuhalten. „Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten“, schließt Wulff. Abgang, Blitz.

„Der Rücktritt“ ist ein spannender und kluger Film, großartig gespielt. Er hätte eigentlich ins öffentlich-rechtliche Fernsehen gehört. Jetzt darf sich der Privatsender Sat.1 damit schmücken.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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