WIEN - Wenige Stunden vor der 20. Nationalratswahl am Sonntag war der heiße Wahlkampf in Österreich noch in vollem Gange. „Nicht der Weg ist das Ziel, sondern der Gipfel“, mahnte Wilhelm Molterer, Vorsitzender der konservativen Volkspartei ÖVP und amtierender Vizekanzler, junge ÖVP-Wahlhelfer am Freitag. Auch der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten, Werner Faymann, eilte von Termin zu Termin, um vielleicht noch einige Unentschlossene für die SPÖ zu gewinnen. Nach einem der kürzesten Wahlkämpfe in der Geschichte Österreichs ist das Ergebnis der Parlamentswahl am Sonntag weit offen. Selbst die sonst so selbstsicheren Auguren wagten keine Prognose mehr. Nur die Meinungsforscher des „Market-Instituts“ riskierte am Freitag noch eine Vorhersage. Für sie heißt der Sieger am Sonntag SPÖ.

Doch am Ende werden die bis zu einer Million „Letztentschlossenen“ darüber entscheiden, wer in den nächsten fünf Jahren Österreichs Bundeskanzler wird. Denn traditionell stellt die stärkste Fraktion im Nationalrat auch den Regierungschef. Ginge es nach der Beliebtheit, dann dürfte der „neue Mann“ der Sozialdemokraten das Rennen machen.

Werner Faymann (48), der noch vor drei Monaten vielen Österreichern völlig unbekannt war, wäre für die meisten Wähler in der Alpenrepublik mit deutlichem Abstand „erste Wahl“. Zu farblos ist der amtierende ÖVP-Vorsitzende und amtierende Finanzminister Wilhelm Molterer im Wahlkampf geblieben.

Beide einst großen Volksparteien dürften von den rund 6,3 Millionen Wählern heftig gerupft werden. Sowohl die bisher stets führenden Sozialdemokraten, als auch die Volkspartei müssen damit rechnen, nach wieder unter die Marke von 30 Prozent zu fallen. Viele dieser Enttäuschten wollen am Sonntag eine der beiden rechten Parteien, die „Freiheitlichen“ (FPÖ) oder das BZÖ-Bündnis des Kärntner Rechtspopulisten Jörg Haider wählen. Zusammen könnten FPÖ (etwa 18 Prozent) und BZÖ (bis zu acht Prozent) so stark werden, wie eine der beiden „Großen“. Angesichts dieser Lage drohen Österreichs Grüne (bisher 11 Prozent) unter die Räder zu kommen.