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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Spuren deutscher Kolonialzeit noch sichtbar

01.07.2019

Windhuk /Okahandja /Qingdao Die Grabsteine der kaiserlichen Soldaten stehen poliert in Reih und Glied: „Reiter Emil Büttner“, „Gefreiter Rudolf Kux“, „Unteroffizier Flori Martini“ und viele andere Deutsche sind der Stadt Okahandja nördlich von Namibias Hauptstadt Windhuk begraben. Sie kamen 1904 während des Aufstands des Hererovolks und ihres Afrika-Einsatzes ums Leben. Rund 100 Gräber schmiegen sich würdevoll an die von Missionaren gegründete lutherische Kirche. Im Hinterhof der Kirche liegen zusammengedrängt die Gräber der wichtigsten Herero-Anführer. Deren staubiger Friedhof ist mit Stacheldraht abgegrenzt und kaum 50 Quadratmeter groß.

Die Kirche von Okahandja ist bis heute ein Spiegelbild der Herrschaftsverhältnisse, wie sie zur deutschen Kolonialzeit zwischen 1884 und 1915 im damaligen Deutsch-Südwestafrika waren. Die Herero, deren Vorfahren zu Zehntausenden von deutschen Truppen umgebracht wurden, niedergemetzelt, die in der Wüste verdurstet oder an Entkräftung gestorben sind, kommen trotzdem gern hierher. „Für uns ist es wie ein heiliger Ort“, erklärt der 82-jährige Aktivist Festus Ueripaka Muundjua.

Die Herero – traditionell ein Volk von Rinderhirten – passten die Tracht etwa mit einem sperrigen Hut an, dessen Form an Rinderhörner erinnern soll. Die Männer wiederum tragen Uniformen, die an die kaiserliche „Schutztruppe“ erinnern.

Kein anderes Land wurde so nachhaltig kolonisiert wie Namibia und in keinem anderen der ehemals deutschen Gebiete zwischen Ostasien und Südwestafrika ist die deutsche Kolonialvergangenheit noch heute so lebendig wie hier.

Am 28. Juni 2019 jährte sich das offizielle Ende der deutschen Kolonialzeit zum 100. Mal. Besiegelt wurde es nach der Niederlage des Deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg mit der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags. Dort heißt es in Artikel 119: „Deutschland verzichtet zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte auf alle seine Rechte und Ansprüche bezüglich seiner überseeischen Besitzungen.“

Denkmäler erhalten

Die Denkmäler zu Ehren deutscher Soldaten sind in Namibia trotzdem bis heute stehen geblieben. Im Zentrum der Hauptstadt Windhuk etwa wird an einer von den Deutschen errichteten Festung der „gefallenen Kameraden der kaiserlichen Schutztruppe“ gedacht. 200 Meter weiter in einem Park steht – umrahmt von blühenden Bougainvillea – ein Denkmal, das den „Helden“ gewidmet ist, die 1893 und 1894 im Kampf gegen den Witbooi-Stamm ums Leben kamen.

Das Kaiserreich ging skrupellos vor, um seine Herrschaft zu festigen. Widerstand wurde brutal niedergeschlagen. Experten schätzen, dass von 1904 bis 1908 rund 65 000 von 80 000 Herero und mindestens 10 000 von 20 000 Nama getötet wurden. Historiker sehen darin den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. In Deutschland gerieten die Gräueltaten nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. Doch für die Herero und Nama gibt es kein Vergessen.

„Die Deutschen haben uns das Land geraubt, sie haben alle getötet, sie haben unsere Mütter vergewaltigt“, klagt Nama-Aktivistin Ida Hoffmann. „Es war ein Völkermord. Sie haben uns alles genommen, inklusive unserer Würde“, sagt die 72-jährige Parlamentsabgeordnete. Die Nama seien heute infolge des Gemetzels eine dezimierte und verarmte Minderheit. „Es fehlt uns an Infrastruktur, Bildung und Jobs. Es ist die Verantwortung der Deutschen, uns zu helfen“, fordert sie.

Im Zuge der Kämpfe gegen Herero und Nama errichteten die Deutschen auch erstmals Konzentrationslager. In Windhuk wurde gleich neben dem Lager die protestantische Christuskirche erbaut, die heute zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt zählt. In dem Gotteshaus wird immer noch der kaiserlichen Soldaten gedacht: Ohne historische Einordnung listet dort eine schätzungsweise acht Meter breite Tafel die Namen Hunderter gefallener Soldaten auf.

In Windhuk – einst von deutschen Kolonialherren gegründet – liest man auf Straßenschildern immer noch „Bismarckstraße“ und „Schanzenweg“. Erst langsam beginnt ein Umdenken. Der „Ausspannplatz“ wurde 2018 umbenannt, kürzlich die „Lazarettstraße“. Der Komponist Johann Sebastian Bach musste als Namensgeber „Häuptling Riruako“ weichen.

Reinheitsgebot gilt

Die Kolonialzeit und die vielen Deutschen, die in den darauffolgenden Jahrzehnten nach Namibia emigrierten, haben das Land vielfältig geprägt. In der Hafenstadt Swakopmund sieht man überall deutsche Kolonialbauten. Namibias Bier „Windhuk“ wird streng nach deutschem Reinheitsgebot gebraut, in den Geschäften sind vor Ort hergestellte Landjäger und Schwarzwälder Schinken erhältlich. Beim Bestellen von Semmeln beim Bäcker sagen viele Namibier „Brötchen“. Es gibt deutsche Radiosendungen und die deutschsprachige „Allgemeine Zeitung“.

Die Deutsch-Namibier haben viel dazu beigetragen, dass Namibia heute zu den wohlhabendsten und meist entwickelten Ländern Afrikas gehört. Schätzungen zufolge ist Deutsch indes nur noch für rund 14 000 Namibier die Muttersprache – es handelt sich allerdings um eine sehr einflussreiche Minderheit, die zusammenhält. Deutsch-Namibiern gehören zahlreiche Großfarmen und Unternehmen. Viele von ihnen haben die Deutsche Schule in Windhuk besucht, die als beste Privatschule gilt. Der deutschstämmige Sven Thieme etwa ist Vorsitzender der Handelskammer und leitet das größte Privatunternehmen. Selbst das Finanzministerium ist in der Hand eines Deutsch-Namibiers: Dort hat Minister Calle Schlettwein das Sagen.

Dass sich in Namibia ein starker deutscher Einfluss gehalten hat, hat auch mit Namibias Geschichte im 20. Jahrhundert zu tun. Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs übernahmen Südafrikas Truppen, die mit Großbritannien verbündet waren, die Macht von den Deutschen. Sie betrachteten Namibia forthin als Teil Südafrikas und führten ihre rassistische Politik der Apartheid ein. Für die schwarze Bevölkerungsmehrheit hatten sie nur Verachtung übrig, die ebenfalls weißen Deutschen waren mit der Zeit jedoch wohlgelitten.

Der rassistische Spuk war mit der Unabhängigkeit Namibias 1990 vorbei. Erst danach begannen die Nachkommen der Opfer der deutschen Gräueltaten Anerkennung für das Leiden ihrer Stämme einzufordern. Die Bundesregierung hat den Begriff „Völkermord“ jahrzehntelang vermieden, auch um Entschädigungsforderungen zu blockieren. Erst 2015 rang sich Berlin durch, überhaupt von einem Völkermord zu sprechen. Seither laufen mühsame Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia. Berlin bietet dem Vernehmen nach eine Entschuldigung von höchster Stelle und mehr Geld für Hilfsprojekte an. Eine direkte Wiedergutmachung für die Nachkommen, sogenannte Reparationen, lehnt Deutschland ab.

Es ist jedoch bislang ungewiss, ob die Nachkommen das Ergebnis der Verhandlungen akzeptieren werden. Die Herero und Nama lehnen diese ab, weil sie nicht direkt daran beteiligt sind. Sie misstrauen der Regierung in Windhuk, die von der Volksgruppe der Ovambo dominiert wird. Berlin wiederum verweist darauf, man könne nur mit der Regierung verhandeln, nicht direkt mit einer Volksgruppe. Herero und Nama klagen daher inzwischen auch in New York gegen Deutschland.

Herero-Aktivist Muundjua betont, nur direkte Gespräche könnten zum Ziel führen. „Im Krankheitsfall heilt man auch den Patienten, nicht einen Stellvertreter.“ Nama und Herero sagen nicht, welche Summen ihnen bei den Reparationen vorschweben. Neben Geld wollen sie Hilfsprojekte, Infrastrukturvorhaben und bessere Schulen, um der nächsten Generation bessere Chancen zu eröffnen.

Wiedergutmachung

„Deutschland sollte dafür zahlen, dass viele Herero und Nama dort zum Beispiel als Ärzte oder Ingenieure ausgebildet werden“, fordert Aktivistin Esther Utjiua Muinjangue. Die 57-Jährige ist Vorsitzende der Herero-nahen Partei Nudo. Muundjua wiederum warnt, die Geduld der Nachkommen beim Warten auf Wiedergutmachung könnte endlich sein.

Die Bundesregierung argumentierte lange, dass Deutschland sich seiner Verantwortung bewusst sei und Namibia daher pro Kopf so viel Hilfsgelder erhalte wie nur wenige andere Länder. Weil im dünn besiedelten Namibia allerdings nur rund 2,5 Millionen Menschen leben, machten die Hilfsgelder seit 2013 im Schnitt nur rund 50 Millionen Euro pro Jahr aus.

Bedarf für Hilfsprojekte gibt es in Namibia genug. Die Kluft zwischen Arm und Reich – und das heißt zumeist zwischen Schwarzen und Weißen – ist in Folge von Kolonialherrschaft und Apartheid-Politik dramatisch. Momentan finanziert Deutschland energiesparende Neubauten, die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur sowie Sportplätze für Schulen und Lehrerfortbildungen.

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