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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Patriarch mit strenger Hand

28.08.2019

Wolfsburg Er war die zen-trale Führungsfigur des VW-Konzerns und einer der streitbarsten Manager der Autobranche: 22 Jahre lang zog Ferdinand Piëch bei Volkswagen die Strippen, die Fäden immer fest in seiner Hand. Unter seiner Führung wurde VW vom Sorgenkind zum Weltkonzern. Aber am Ende ging der einflussreiche Manager im Streit. Am Sonntag ist Piëch im Alter von 82 Jahren gestorben.

Begonnen hatte die prägende Ära Piëch bei VW kurz nach der Wiedervereinigung. Anfang 1993 übernahm der gebürtige Wiener und Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche den Vorstandsvorsitz – ein Posten, den er zuvor schon vier Jahre bei Audi innehatte – und stieg 2002 zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats auf. Das blieb er bis 2015, als er die Machtprobe mit dem damaligen Vorstandschef Martin Winterkorn suchte und verlor.

„Das lässt sich gar nicht genug würdigen“

„Er hat VW als Sanierungsfall übernommen und in einem sehr langwierigen Prozess nach oben geführt. Das lässt sich gar nicht genug würdigen“, sagt Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach über Piëchs Anfangszeit als VW-Chef. „Das Unternehmen stand damals mit dem Rücken zur Wand, es gab kaum Rendite, und keiner wusste, wie man wieder in die schwarzen Zahlen kommt.“

Als Piëch bei VW einstieg, drohten Massenentlassungen. Betriebsratschef Bernd Osterloh sagte daher am Dienstag, die Belegschaft danke Piëch für seinen Anteil an der Einführung der Vier-Tage-Woche und der damit verbundenen Rettung Zehntausender Arbeitsplätze.

Volkswagen war in dieser Zeit ohne den Namen Piëch kaum vorstellbar. Zu dominant war der Manager. Aber auch zu autoritär sein Führungsstil. „Mein Harmoniebedürfnis ist begrenzt“, schrieb Piëch selbst in seiner Autobiografie. Als der frühere Vorstandschef Bernd Pischetsrieder 2006 gehen musste, soll Piëch seinen Einfluss ausgeübt haben. 2012 hievte er sogar seine Frau Ursula in den VW-Aufsichtsrat.

„Nordkorea minus Arbeitslager“

Mit strenger Hand, hierarchisch und zentralistisch soll der Autonarr das immer größer werdende VW-Imperium gelenkt haben. Der „Spiegel“ beschrieb die Atmosphäre bei Volkswagen unter Piëch und Winterkorn einmal als „Nordkorea minus Arbeitslager“.

„Er verstand sich klar als derjenige, der den Laden führt“, sagt Branchenexperte Bratzel. Auch aus dem Aufsichtsrat heraus: „Der Vorstandsvorsitzende war lediglich der Ausführende.“ Bratzel führt das auch auf die besondere Rolle der Familien Piëch und Porsche im VW-Konzern zurück. Über die von ihnen kontrollierte Holding Porsche SE halten sie die Mehrheit an VW. „Piëch hat Volkswagen als Familienunternehmen gesehen, als sein Unternehmen“, sagt er.

Piëch spielte bei VW allerdings zuletzt keine Rolle mehr. 2017 verkaufte er für rund 1,1 Milliarden Euro den Großteil seiner Porsche-SE-Stammaktien an die Familie, einige Monate später legte er sein Porsche-Aufsichtsratsmandat nieder – seither hatte er sehr zurückgezogen gelebt.

„Das war sicher eine Zäsur“

Dem Ausstieg vorausgegangen war die öffentliche Auseinandersetzung mit Winterkorn. Im April 2015 sagte Piëch dem „Spiegel“, er sei „auf Distanz“ zu seinem einstigen Vertrauten. Doch mithilfe einer Allianz aus dem Land Niedersachsen und dem mächtigen Betriebsrat setzte sich schließlich Winterkorn in dem Machtkampf durch. Piëch hingegen musste seinen Platz räumen und zog sich auch bei Porsche zurück.

„Das war sicher eine Zäsur“, sagte sein Cousin Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef bei Porsche, einst dem „Stern“. „Ich frage mich immer wieder, wie sich jemand mit einer solch großartigen Lebensleistung innerhalb kürzester Zeit selbst ins Abseits bugsieren konnte.“

Piëch war aber nicht nur Manager – der Maschinenbauer konnte auch einen Motor zusammenschrauben. Privat segelte er gern, beschäftigte sich mit fernöstlicher Kultur und japanischer Ethik. Er hinterlässt eine große Familie – in der Mitteilung der Witwe Ursula Piëch ist die Rede von 13 Kindern und mehr als doppelt so vielen Enkelkindern.

Bei Volkswagen blieb in den Jahren nach Piëch kaum ein Stein auf dem anderen, auch vor dem Hintergrund des kurz nach seinem Abgang bekanntgewordenen Dieselskandals. Ein „Kulturwandel“ wurde in Wolfsburg ausgerufen: weniger Zentralismus, mehr Verantwortung für die einzelnen Manager, mehr interne Kritik. Die Mitarbeiter sollten nicht mehr zittern vor einem Patriarchen wie Piëch.

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