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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Das schwere Erbe von Stalingrad

29.01.2018

Wolgograd Riesige Schneeflocken wirbeln auf die Inschriften der Grabsteine, die eisige Luft macht das Atmen schwer. Die Stille an dem Hügel im einstigen Stalingrad wird nur durch den zügigen Stechschritt der russischen Soldaten unterbrochen, die zur Wachablöse am Ewigen Feuer herbeimarschieren. Das riesige Monument Mutter Heimat übersieht niemand in Wolgograd. Es erinnert an eines der schlimmsten Kapitel im Zweiten Weltkrieg – die Schlacht von Stalingrad. Die Kapitulation der 6. Armee um General Friedrich Paulus und somit das Ende der Schlacht jährt sich zum 75. Mal.

Die Russin Valentina hält inne, ihr Blick richtet sich in die Höhe. Ehrfürchtig legt sie ihre Hand behutsam auf den Sockel des 85 Meter großen Monuments. „Es zieht mich immer wieder hierher – wie ein Magnet“, sagt die Frau. Sie ist in Wolgograd geboren, ihre Familie durchlebte die Belagerung der Stadt. Auch deswegen ist der Besuch in ihrer Heimatstadt für Valentina jedes Mal sehr emotional.

Die Wehrmacht hatte die Stadt monatelang eingenommen. Im Winter 1942/43 wurden jedoch mehr als 300 000 Soldaten von der Roten Armee eingekesselt. Der Sieg der sowjetischen Truppen gilt als der Wendepunkt des Krieges. 700 000 gefallene Soldaten und getötete Zivilisten sind Schätzungen zufolge die grausame Bilanz der Schlacht. Die strategisch und auch ideologisch wichtige Industriestadt, die bis 1961 den Namen des Sowjetdiktators Josef Stalin trug, war komplett zerstört und wurde später fast vollständig neu errichtet.

Heute flanieren die Menschen durch die Hauptstraße, Kinder posieren lachend am bunten Schriftzug „Wolgograd“, der am Flussufer steht. Er soll auf die Fußball-WM hinweisen, die im Sommer auch hier stattfindet. Die Erinnerung an die Schlacht ist jedoch allgegenwärtig: von der Allee der Helden, dem Platz der getöteten Kämpfer und bis hin zur Straße der Roten Armee.

„Die Stadt wird ewig mit dem Krieg verbunden sein. Das ist unser Schicksal“, sagt der Leiter des Stalingrad-Museums, Alexej Wassin. Aus dem Fenster seines modernen Büros blickt er direkt auf die Backstein-Ruine des sogenannten Pawlow-Hauses im Stadtzentrum. Hier tobte wochenlang ein heftiger Kampf zwischen sowjetischen und deutschen Soldaten – mittendrin bangten die in der Stadt eingeschlossenen Kinder, Mütter und alten Menschen um ihr Leben.

„Bald zeigen wir genau hier auch eine Multimedia-Show. Das richtet sich dann besonders an die jungen Leute“, sagte Wassin. „Es geht hier nicht nur um Patriotismus und Heldentum“, sagt der Museumsdirektor bestimmt. „Alle Zeitzeugen der Schlacht sterben und können uns bald nicht mehr vom Schicksal unserer Stadt erzählen.“ Wassins Museum zählt zu den meist besuchten Ausstellungen Russlands. Mehr als zwei Millionen Menschen seien 2017 in das Museum am Wolga-Ufer gekommen.

In dem kreisrunden Bau im Stadtzentrum reihen sich vor allem Raketenwerfer an Sturmgewehre und Uniformen. An den Wänden hängen riesige Bilder, die Stalin und sowjetische Generäle in heroischen Posen zeigen. Genau dokumentiert werden die Kampfhandlungen, kurze Filmsequenzen zeigen den Horror der Tage. Bombenhagel ließ damals die Stadt in Flammen aufgehen. Die Szene wird im Minutentakt mit dramatischen Bildern an die Wand projiziert.

Fast unauffällig wirkt hingegen der Soldatenfriedhof Rossoschka, rund 40 Kilometer von Wolgograd entfernt. Nur eine kleine, wenig befahrene Landstraße führt zu der einsamen Gedenkstätte. Hier sind nicht nur Soldaten der deutschen Wehrmacht, sondern auch Angehörige der Roten Armee begraben. Die Gegner von einst sind nur durch die holprige Straße getrennt.

Hunderte Helme auf Grabsteinen reihen sich aneinander, sie erinnern an die toten sowjetischen Soldaten. Auf deutscher Seite stehen meterhohe Granitblöcke, in denen die Namen und Sterbedaten der Gefallenen eingemeißelt sind. Mehr als 61 000 Gefallene sind hier bestattet, umgekommen bei Kampfhandlungen oder in der Kälte erfroren, sagt Peter Lindau vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Seit rund 25 Jahren sucht die Organisation im Gebiet der ehemaligen Frontlinie nach sterblichen Überresten der Gefallenen.

Selbst Touristen zieht es an diesen einsamen Ort der Schlacht, die in jedem Geschichtsbuch in Russland und Deutschland genannt wird. „Junge Menschen starben hier, einige gerade 20 Jahre alt“, sagt der 51-jährige Australier John, als er auf die zahlreichen Grabsteine blickt. Er legt einzelne rote Nelken auf die Steinwand am Friedhof, die Blütenblätter frieren schon nach wenigen Minuten in der Kälte ein. „Es ist nicht die eisige Luft, die mir die Sprache verschlägt.“

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