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Staatskrise Zwischen Schock und Säuberung

Can Merey

Istanbul/Ankara - Der Putsch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan ist niedergeschlagen, doch von einer Rückkehr zur Normalität kann in der Türkei keine Rede sein. Während die vielen Toten zu Grabe getragen werden, ist das Land noch in einer Art Schockzustand. Erdogan ruft das Volk auf, die „Demokratie-Wachen“ gegen mögliche weitere Putschisten fortzusetzen: „Wir lassen die Plätze nicht leer.“

Kampfjets fliegen

In Istanbul werden 1800 Spezialkräfte der Polizei mit gepanzerten Fahrzeugen zusammengezogen, um strategisch wichtige Einrichtungen und Straßen zu schützen. Auf dem Bosporus liegt ein Schiff der Küstenwache, das die Meerenge nachts mit Suchscheinwerfern ableuchtet. Im türkischen Luftraum fliegen F16-Kampfjets Patrouille.

In Ankara – wo die Putschisten mit Kampfflugzeugen das Parlament bombardierten – kommt erstmals wieder das Kabinett zusammen. Ministerpräsident Binali Yildirim bricht in Tränen aus, als er über den Putschversuch spricht.

Yildirim kündigt an, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. Er hält aber keine Kampfesrede, sondern mahnt zur Besonnenheit. Er warnt vor Pauschalurteilen gegen die Armee, die er den „Augapfel“ der Türkei nennt. Und er findet Worte, die darauf abzielen, die tiefen Gräben in der türkischen Gesellschaft zu überwinden. Yildirim, kein glänzender Rhetoriker, hält eine bemerkenswert mäßigende Rede.

Eigentlich ist die aussöhnende Rolle in anderen Ländern auf den Staatspräsidenten zugeschnitten, doch das ist Erdogans Stil eher nicht. Er hält den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen für den Drahtzieher des Putschversuches. Erdogan setzt Gülens Anhänger mit Krankheitserregern gleich – und kündigt einen „Säuberungsprozess von diesen Viren“ an.

Und die Rosskur beginnt sofort. Mehr als 13 000 Staatsbedienstete werden suspendiert, darunter fast 8000 Polizisten und über 2700 Justizangehörige. Mehr als 750 Richter und Staatsanwälte werden festgenommen. Und natürlich trifft es vor allem die Armee: Mehr als 6000 Soldaten führt die Polizei ab. Darunter sind über 100 Generäle – von denen die zweitgrößte Nato-Armee insgesamt nur knapp 350 hat.

Haftbefehl erlassen wird unter anderem gegen Ex-Luftwaffenchef Akin Öztürk, der der Rädelsführer der Putschisten in der Türkei gewesen sein soll. Ein Regierungsvertreter nennt das bisherige Mitglied im Obersten Militärrat „den formalen Anführer der Junta“. Er wies eine Beteiligung an dem Coup allerdings zurück, teilte ein Ermittler mit.

Öztürk und andere Generäle werden der Öffentlichkeit wie geprügelte Hunde vorgeführt: In der Polizeistation, wo sie Namen und Rang verkünden müssen, läuft eine Kamera mit, das Video wird von Anadolu verbreitet. Tatsächlich weisen die Männer fast alle blutige Spuren auf.

Generäle vorgeführt

Die Köpfe der Generäle, die gewohnt waren, ihr Haupt stolz nach oben zu recken, werden von Polizisten nach unten gedrückt, ihre Hände sind mit Kabelbindern auf den Rücken gefesselt. „Seid Ihr jetzt glücklich?“, ruft ein Polizist den Festgenommenen zu. Keiner von ihnen sieht aus, als habe er von der Niederschlagung des Putsches profitiert – ganz im Gegenteil.

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