Ochtersum - Dass der Pastor im Talar den Gemeindegesang auf dem diatonischen Schifferklavier begleitet, das könnte in der Ochtersumer St.-Materniani-Kirche in wenigen Monaten durchaus Realität werden. Zu Monatsbeginn hat Friedemann Schmidt als „Springer-Pastor“ im Kirchenkreis Harlingerland die Vakanzvertretung in dieser Holtriemer Ortschaft übernommen und trainiert am Instrument schon fleißig für einen ersten öffentlichen Einsatz.
Musikalität – die wurde dem 57-Jährigen, der in Neuwied am Rhein geboren wurde, ebenso in die Wiege gelegt wie die christliche Erziehung. Nach Aktivitäten in kirchlicher Jugendarbeit und im Posaunenchor studierte Schmidt in Bonn und Marburg evangelische Theologie und trat in Kevelaer, das durch den bedeutenden Marienwallfahrtsort bekannt ist, eine erste Pfarrstelle für Öffentlichkeitsarbeit an. „Besonderheit war hier, dass ich ein Sondervikariat in einer Werbeagentur absolviert habe“, erinnert sich der Geistliche. Immerhin müsse man Kirche als Tendenzbetrieb sehen, und da sei Werbung von großer Bedeutung.
Nach anschließenden fünf Jahren als Gemeindepfarrer im Hunsrück übernahm er das Amt des Landesobmanns für Posaunenchöre in ganz Deutschland und war daher bundesweit unterwegs. „Es ist erstaunlich, in welchen Konstellationen es zwischen Usedom und Bodensee in der Ökumene Posaunenchöre gibt“, berichtet der Theologe aus seinem spannenden Wirken im Dachverband, für den er in besonderer Stellung auch an den Evangelischen Kirchentagen mitwirkte. Da die Stundenzahl dieser Stelle nach drei Jahren halbiert wurde, wechselte er auf den Posten eines Militärpfarrers. Insgesamt zwölf Jahre war Friedemann Schmidt in Büchel (Eifel) und auf der Hardthöhe in Bonn tätig.
Vor seinem musikalischen Hintergrund übernahm Schmidt, der gerne auch Gesänge an der Kirchenorgel begleitet, vor eineinhalb Jahren ein Sonderpfarramt für das Beethoven-Jubiläum in Bonn – der weltweit bekannte Komponist, der 21 Jahre in der Rhein-Metropole lebte, wurde vor 250 Jahren geboren. Die Aufgaben des Pastors waren dort das Koordinieren zahlreicher Veranstaltungen, aber auch eine Reihe eigener Vorträge zu Themenbereichen über Ludwig van Beethoven. „Das hat mir große Freude gemacht, auch wenn viele organisierte Veranstaltungen coronabedingt abgesagt und in das Internet verlagert wurden“, resümiert er.
Da Friedemann Schmidt zusammen mit seiner Ehefrau Dr. Stephanie Schmidt-Eggert, Seelsorgerin an der Uni-Klinik Bonn, mehrmals auf Wangerooge als Urlauberpastor tätig war und ihm die Küstenregion vertraut ist, hat er sich auf die bundesweit ausgeschriebene, auf zwei Jahre befristete Pfarrstelle des Kirchenkreises Harlingerland beworben. So wird er von der Evangelischen Kirche im Rheinland an die Landeskirche Hannover „ausgeliehen“ und tritt die Nachfolge von Pastor Alexander Schreeb an, der Ochtersum in Richtung Hannover verlässt.
Seinen Wohnsitz hat Schmidt in Carolinensiel gewählt – zusammen mit seiner Beagle-Hündin Malvine.
In der St.-Materniani-Gemeinde Ochtersum möchte der 57-Jährige mithelfen, gewachsene Strukturen und Eigenheiten zu würdigen und zu bewahren. „Ich werde die Gottesdienste, Beerdigungen und den Konfirmandenunterricht durchführen“, kündigt Schmidt an, der ab Januar ebenfalls für die dann vakante Gemeinde Werdum/Neuharlingersiel zuständig sein wird. „Am Heiligabend wollen wir mit dem Trecker und einem Anhänger samt Krippenfiguren über die Dörfer ziehen und zu einem kleinen Weihnachtstreffen einladen“, skizziert der Geistliche einen Plan, den der Ochtersumer Kirchenvorstand demnächst noch konkretisiert.
Auf mehreren Pfarrstellen im Kirchenkreis Harlingerland gibt es derzeit Vakanzen oder sie zeichnen sich ab, wie Superintendentin Eva Hadem mitteilt.
An der St.-Materniani-Kirche Ochtersum hat Pastor Friedemann Schmidt die Stelle von Alexander Schreeb übernommen.
Die St.-Nicolai-Gemeinde Werdum (mit Neuharlingersiel), in der Pastorin Rosemarie Giese noch tätig ist, übernimmt Schmidt Anfang Januar ebenfalls. Die Details werden am 19. November mit dem Kirchenvorstand besprochen.
In Reepsholt treten zum Jahresende Karin und Jürgen Neese in den Ruhestand. Die Vertretung übernimmt zunächst der Wittmunder Altenheimseelsorger, Pastor Stephan Birkholz-Hölter.
In Blomberg, wo der im vergangenen Sommer verstorbene Pastor Albert Lübben tätig war, ist die Vakanzvertretung bereits mit Pastor Torsten Nolting-Bösemann (Kirchengemeinden Carolinensiel, Funnix-Berdum und Asel) geregelt. Unterstützt wird er vom Pastor im Ruhestand, Hartmut Hermjakob (Blomberg).
