SCHWEINDORF - Helga Wiebersiek kennt sich aus – mit Kühen, mit Milch, mit dem Leben und der Arbeit der Milchbauern. 22 Jahre lang arbeitete die Schweindorferin als Milchleistungsprüferin, betreute zuletzt 23 Betriebe. Jetzt ist damit Schluss. 'Ich bin noch fit, aber es kommt die Zeit, wo man sich ein bisschen mehr um die Kinder und vor allem um die Enkel kümmern möchte', schmunzelt die 65-Jährige.
So ganz klammheimlich wollte sie sich aber nicht aus dem Staub des Arbeitslebens machen. Sie lud alle Landwirte und deren Frauen, bei denen sie einmal im Monat tätig war, zu einem Frühstück ein. Schwarzbrot, Rosinenbrot, Weißbrot, Marmelade – alles hatte sie selbst gemacht und zusammen mit anderen Leckereien in ihrer Mühle zum Frühstücksbuffet aufgebaut. Und alle folgten der Einladung sehr gerne, denn die langjährige Zusammenarbeit verbindet. Zum Abschied schenkten die Landwirte 'ihrer Milchleistungsprüferin' natürlich eine Kuh. Was auch sonst. Allerdings war es kein lebendiger Vierbeiner, sondern ein Modell.
Warum die Landwirte Helga Wiebersiek so zugetan sind, wird schnell klar, wenn man mit ihr spricht. Die sympathische Schweindorferin hat ihren Beruf geliebt und gelebt. Sie erzählt ganz genau, was alles zum Aufgabengebiet eines Milchleistungsprüfers gehört, wie die Proben genommen werden, welche Papiere auszufüllen sind und was mit den Proben passiert.
Über sie selbst erfährt man zunächst nichts. 'Ich bin nicht wichtig', sagt sie bescheiden. Wichtig war ihr die Arbeit und das gute Verhältnis zu den Landwirten. 'Ich mag Kühe eigentlich sehr gerne', gesteht sie dann doch fast verschämt. 'Man hat auch so seine Lieblinge. In einem Betrieb stand eine Kuh, die sah aus wie ein Reh. Dunkelbraun und stolz. Sie war wie ein Model', erzählt Helga Wiebersiek.
Durch eine Zeitungsannonce kam sie vor 22 Jahren zu ihrem Job. Während einer einwöchigen Schulung lernte sie alles, was sie wissen musste. 'Früher', so berichtet die Schweindorferin, 'hat man die Proben im Sommer oft auf der Weide genommen. Man musste alles handschriftlich auf Bögen eintragen. Das war bei Regen nicht schön. Man musste die Seiten trocken halten. Ich habe dann oft auf Pappe alles vorgeschrieben.' Der Wandel der Zeit machte auch vor ihrem Beruf nicht halt. 'Heute arbeitet man mit einem Pocket-PC. Die Daten gehen gleich nach Verden und Leer zur Kontrolle. Ich finde das enorm', kann die sympathische Schweindorferin immer noch über den Fortschritt der Technik staunen.
Sie zog die Proben, die nicht nur Aufschluss darüber geben, wie viel Milch eine Kuh produziert, sondern auch welche Inhaltsstoffe in welchem Maß vorhanden sind. 'Wichtig sind Eiweißstoffe und Fettgehalt', ist Helga Wiebersiek wieder bei ihrem Lieblingsthema – dem Beruf, den sie mit Leib und Seele ausgeübt hat. 19 Betriebe mit insgesamt 500 Kühen gehörten zu Beginn ihres Arbeitslebens zu ihrem Kontrollbereich. Am Ende waren es zwar nur vier Betriebe, aber sage und schreibe 2100 Kühe mehr. Die 65-jährige kann stundenlang über ihren Beruf reden. Die Geschichten und Anekdoten, die sie erlebt hat, muss man ihr förmlich entlocken. Aber dann sprudelt es aus ihr heraus und sie kann sich bei so mancher Erinnerung kaum noch vor Lachen halten.
So beim Erlebnis, das sie vor einigen Jahren mit dem achtjährigen Sohn eines Landwirtes hatte. Sie beide wurden unfreiwillig Ziel einer eruptiven Entleerung einer Kuh. 'Wir standen direkt hinter ihr und waren von oben bis unten voll. Erst wurde es warm, dann wurde es schwer', lacht die Schweindorferin, die voller Humor steckt. Für den kleinen Bengel war das Malheur damit aber noch nicht beendet. Nachdem er sich gesäubert und umgezogen hatte, passierte ein kleiner Fehler beim Entnehmen der Milchprobe, bei der er unbedingt helfen wollte. Nachdem er erst über und über braun war, wurde er nun mit weißer Flüssigkeit übergossen. Es sind nicht nur diese Anekdoten, die Bestand haben werden. Ganz gewiss wird oft, wenn Helga Wiebersiek einen 'ihrer' Landwirte wiedertrifft, der Satz fallen: 'Helga, weißt du noch?' Eine Milchleistungsprüferin geht, vergessen wird sie ganz sicher nicht.
