Utarp - Dr. Sonja König wertet es als Überraschung: Bei den seit zehn Tagen laufenden Grabungen südlich der Landesstraße 6 in Utarp hat sich die Gründung eines vollständigen Gebäudes abgezeichnet. „Das Wohnhaus hatte die Abmaße von etwa neun mal 20 Metern“, berichtet die archäologische Leiterin der Ostfriesischen Landschaft. Die 150 Funde deuteten sowohl auf die Bronze- als auch auf die Eisenzeit hin – die ältesten Spuren dürften 4000 Jahre alt sein.
Begeistert zeigte sich König von der Zusammenarbeit mit der Gemeinde Utarp, die bei einem Ortstermin am Mittwoch von Bürgermeisterin Harmine Bents und den Ratsmitgliedern Trude Bohms und Günter Lüken vertreten war. Weil hier südlich der Hahnen-Grundschule angesichts der großen Nachfrage ein Neubaugebiet geplant ist, hatte sich Bents frühzeitig an die Landschaft mit der Bitte um Überprüfung des Untergrundes gewandt. Nicht immer werden die Archäologen in derartigen Fällen tätig. „Doch nach der Auswertung von alten Boden- und Bebauungskarten wie die Preußische Landesaufnahme von 1890 sowie Drohnenaufnahmen hatten wir die deutliche Vermutung, dass sich Funde im Untergrund befinden könnten“, berichtete Sonja König.
So verlegte Landschafts-Grabungstechniker Axel Prussat nach den erforderlichen Vorplanungen Anfang vergangener Woche seinen Einsatzort in die Samtgemeinde Holtriem. Er wies den von der Gemeinde gestellten Baggerfahrer ein, der behutsam den einen halben Meter starken Schwarzboden abschob. Und er schulte vier von der Kommune für das Projekt extra beschäftigte Grabungshelfer. Ende dieser Woche ist für Prussat und Team bereits Schluss, sodass die weiteren Schritte der Erschließung des Baugebiets mit angrenzendem Regenrückhaltebecken in die Wege geleitet werden können.
„Auf dem zwei Hektar großen, früheren Weideland wollen wir 23 Grundstücke in unterschiedlichem Zuschnitt anbieten“, berichtete Harmine Bents. Im Mai, so hofft die Bürgermeisterin, wolle die Gemeinde mit dem Verkauf an Bauherren starten. Mehr als 20 Interessenten stünden bereits auf der Warteliste, sagt sie. Der Gemeinderat entscheidet in der kommenden Woche über die Vergabekriterien, wobei vor allem junge Familien aus dem Ort zum Zuge kommen sollen.
Auf der früher höher gelegenen Sandkuppe südwestlich des Kerndorfes Utarp fand das Grabungsteam zahlreiche Pfostengruben, an denen sich die Dimensionen des hölzernen Wohngebäudes und zweier Nebengebäude als Materialspeicher ablesen lassen. Zusammen bildeten sie ein kleines landwirtschaftliches Gehöft. Offensichtlich wurden zur Stabilisierung der Stützpfähle nicht mehr benötigte Bestandteile von Keramikgefäßen verwendet. Weitere wohl im offenen Feldbrand haltbar gemachte Tongefäße und ein paar Flintgeräte aus Feuerstein entdeckten Axel Prussat und seine temporären Mitarbeiter auf dem Grundstück in einem einstigen Entwässerungsgraben.
„Eine genauere zeitliche Einordnung der vielen Funde können wir erst in den nächsten Wochen nach dem Waschen und Trocknen sowie der Zuordnung der genauen Fundstelle herstellen“, betonte Dr. Sonja König. Es sei aufgrund der prähistorischen Entdeckungen aber davon auszugehen, dass es auf dem Siedlungsplatz eine ältere und eine jüngere Nutzungsphase gab.
