Hamburg - Wenn den Fans des Hamburger SV eins heilig ist, dann „Uns Uwe“ Seeler. Der ehemalige Weltklasse-Fußballer prägte in den 50er und 60er Jahren eine Ära beim HSV und gab ihm ein Gesicht, das bis heute mit dem Bundesliga-Club in Verbindung gebracht wird. Seit kurzem wird der weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Spitzname des Vereinsidols zweckentfremdet. Wenn man den blau-weißen Anhängern in der Hansestadt zuhört, fällt immer wieder der Begriff „Uns Fiete“.

Ein neuer Stürmer ist in Hamburg herangewachsen und schickt sich an, von der Elbe aus die Welt zu erobern. Ein Supertalent, nach dem sich jetzt schon europäische Top-Clubs die Finger lecken. Die Rede ist von Jann-Fiete Arp. Seit seinem Treffer zum 1:2-Endstand bei Hertha BSC mit 17 Jahren, neun Monaten und 26 Tagen jüngster HSV-Torschütze aller Zeiten. Und seit seinem Treffer zum 3:1-Endstand gegen den VfB Stuttgart am vergangenen Wochenende Hamburgs personalisiertes Versprechen für eine bessere Zukunft zwischen Relegationsspielen und Abstiegskampf.

„Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen, so schön, so schön“, schallte es von der Nordtribüne durch das Volksparkstadion. Nach Arps Tor sahen sich die Hamburger Fans erlöst von einer Serie mit acht sieglosen Spielen in Folge. Einen Stürmer wie diesen 17-Jährigen haben sie in der Hansestadt tatsächlich lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Auch der 81-jährige Seeler ist begeistert vom neuen Hoffnungsträger. „Ich bin nicht böse, wenn Arp ,Uns Fiete’ genannt wird“, sagte der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft: „Das hat der Bursche sehr gut gemacht.“

17 Jahr, blondes Haar – man sieht dem milchgesichtigen Abiturienten seine Jugend trotz einer Körpergröße von 1,86 Metern an. Auf dem Rasen agiert er allerdings schon wie einer der ganz Großen. Mit einer perfekten Ballannahme an der Strafraumkante ließ er gegen den VfB einen Gegenspieler mit dem Rücken zum Tor ins Leere rutschen. Elegant drehte er sich danach über die rechte Schulter, verlud den nächsten Stuttgarter und zog aus 13 Metern trocken mit dem rechten Fuß ins linke Eck ab. Ein Tor, für das vieles stimmen muss: Ballkontrolle, Körperbeherrschung, Nervenstärke. Arp bringt all diese Attribute mit, sein Weg in den Fußball-Olymp scheint vorgezeichnet.

Lade ...

Die Frage ist nur, wie lange die Hamburger etwas von ihrem Edeltalent haben. Dass Arp wie einst Uwe Seeler die ganze Karriere über „seinem“ HSV die Treue hält, ist unvorstellbar. Zwar verlängerte der U-17-Nationalspieler seinen Vertrag erst im Juni bis 2019 und schlug dabei ein Angebot von Chelsea London aus. Der HSV hätte den Gewinner der Fritz-Walter-Medaille in Gold aber gerne sofort länger gebunden, Berater Jürgen Milewski und der 17-Jährige wollten die Entwicklung abwarten – ein kluger Schachzug, wie sich inzwischen herausgestellt hat.

Über die A-Jugend-Bundesliga (drei Spiele/sieben Tore in dieser Saison), in der er eigentlich zum Einsatz kommen sollte, ist Arp längst hinausgewachsen. Bei der U-17-WM in Indien, bei der Deutschland im Viertelfinale Brasilen unterlegen war (1:2), trifft er im Oktober fünfmal. Darunter ist gegen Kolumbien das auf der Webseite des Fußball-Weltverbandes Fifa gewählte schönste Tor des Turniers.

Lade ...

Aktuell wird Arps Marktwert noch auf 500 000 Euro geschätzt, mit weiteren Einsätzen und Toren sollte dieser in den kommenden Monaten explodieren. HSV-Coach Markus Gisdol nahm den Youngster nach seinem kometenhaften Aufstieg zwar in dieser Woche aus dem Training und damit aus dem Rampenlicht. Er wird aber auch weiter auf seinen mit zwei Treffern jetzt schon torgefährlichsten Akteur setzen.

Das könnte auch Joachim Löw tun. Der deutsche Bundestrainer nimmt gerne junge Spieler zu Turnieren mit und wird die Entwicklung des Hamburger Talents bis zur WM 2018 in Russland genau beobachten. Einen spielstarken „Neuner“, wie es Arp ist, hat er bisher nicht im Kader. Der gesetzte Timo Werner und auch Sandro Wagner oder Mario Gomez verkörpern andere Stürmertypen.

Wer weiß – vielleicht tritt Arp schon in naher Zukunft aus dem Schatten von „Uns Uwe“ heraus und verdient sich seinen eigenen „arpgefahrenen“ Spitznamen.

Arne Erik Jürgens
Arne Erik Jürgens Thementeam Polizei/Justiz