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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Gemeinden Hude

Niemand soll (mehr) vergessen sein

29.10.2016

Hurrel Einer von 41, der Name eingekratzt in Stein: Hnr. Pape, geboren am 20. September 1894, gestorben am 24. Oktober 1916.

Und dann stehen sie da 70 oder 80 Jahre später vor dem Stein, so wie in jedem Jahr: Die Männer tragen dunkle Anzüge, der Schützenverein hat einen Kranz mitgebracht, die Musikkapelle spielt, Volkstrauertag. Und da steht auch ein junger Mann, er liest die 41 Namen auf dem Gedenkstein und fragt sich: Wer weiß denn heute noch, wer Heinrich Pape war?

„Jeder Mensch lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“, so lautet ein berühmter Satz des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac. Aber was ist mit den Menschen, an die sich niemand mehr erinnert? Weil niemand mehr lebt, der sie noch gekannt hat?

Ein umgebautes Bauernhaus in Hurrel, Gemeinde Hude im Landkreis Oldenburg, Baujahr 1923. In der Küche bollert der Ofen, davor sitzt Egon Wachtendorf, 52 Jahre alt, aufgewachsen in Hurrel, wohnhaft in Hurrel, Hurreler Stammbaum bis 1521. Die Fragen, die er sich als junger Mann beim Volkstrauertag stellte, haben ihn nie wieder losgelassen: Hat nicht jeder Mensch das Recht, nicht vergessen zu werden nach seinem Tod? Wie kann man sicherstellen, dass man sich an ihn erinnern wird?

Das Internet vergisst nicht

Und Wachtendorf hatte eine Idee: das Internet! Das Internet vergisst nicht, so heißt es doch immer! Hurrel, sein Dorf, muss eine Gedächtnisseite bekommen. Jeder Mensch, der je in Hurrel gelebt hat, soll dort verewigt sein: auf www.hurreler.com.

Schweers, Frieda, geboren am 29. April 1908 in Hurrel, gestorben am 2. Februar 1911.

Wilkens, Friedrich, geboren am 24. April 1889, gestorben am 3. Februar 1978.

Birth, Grete, geboren am 11. April 1920, gestorben am 11. März 1991.

Und natürlich:

Pape, Heinrich, geboren am 20. September 1894, gestorben am 24. Oktober 1916.

Wer waren diese Menschen, was haben sie gemacht in Hurrel und auf der Welt?

Hurrel, erste schriftliche Erwähnung 1428, ist ein kleines Dorf. Vielleicht 275 Menschen leben hier; die Einwohnerzahl ist in den vergangenen Jahrzehnten recht konstant geblieben.

Aber wie viele Einwohner macht das über die Jahrhunderte, gerechnet seit 1428?

Die Rechnung ist kompliziert, man muss berücksichtigen, dass es 1428 auf Hurreler Gebiet nur vier Hofstellen gab und eine zweistellige Einwohnerzahl. Dass Hurrel nach dem Zweiten Weltkrieg aber vorübergehend auf über 500 Einwohner wuchs, wegen der Flüchtlinge. Dass sich die Lebenserwartung der Hurreler über die Jahrhunderte veränderte, dass 41 Hurreler in den beiden Weltkriegen fielen.

„Das müssen locker mehr als 2000 sein“, schätzt Wachtendorf die Gesamtzahl aller Hurreler, „vermutlich viel mehr.“ Er hat eine Namensliste erstellt, sie ist natürlich noch unvollständig. Zurzeit stehen darauf 1200 Namen.

Also erst einmal anfangen.

Barkemeyer, Karl, geboren am 20. Oktober 1912, gestorben am 25. November 1989.

Karl Barkemeyer ist Wachtendorfs Großonkel, ein Zwillingskind. Ein Zwilling stirbt im Mutterleib, nur Karl überlebt, er kommt behindert zur Welt. Er verbringt sein Leben sitzend, am liebsten auf dem alten Lehnstuhl in der Küche.

Wachtendorf lächelt. „Es ist mir ein Bedürfnis, daran zu erinnern, dass er da war.“

Er bastelt eine Demo-Seite. Er beschreibt Karls Leben und Karls Verwandtschaftsverhältnisse, er scannt Fotos von Karl ein, er stellt seine persönlichen Erinnerungen daneben: Karls herzhaftes Lachen, das die Küche erfüllt; Karls Hand, die am Ohrläppchen spielt; Karls Frisur, die der fünfjährige Egon einmal dem wehrlosen Onkel verpasste; das anschließende Donnerwetter.

Ein Leben für die Toten

Wachtendorf ist Journalist, Fachgebiet Wirtschaft, ausgezeichnet mit dem Helmut-Schmidt-Journalistenpreis. Er weiß, wie man recherchiert.

Seine Grundlage ist das Buch „Hurrel, ein Dorf am Geestrand“ des Dorfschullehrers Walter Janßen-Holldiek. Aber Wachtendorf will mehr als Namen und Geburtstage, er will Biografien. Er forscht in Kirchenbüchern, er stöbert im digitalen NWZ -Archiv nach Familienanzeigen, er durchsucht Auswandererlisten.

Vor allem aber spricht er mit Hurrelern. Als die Demo-Seite mit Karl Barkemeyer fertig ist, geht Wachtendorf zu seinem Nachbarn. Der Nachbar, Jahrgang 1931, erzählt ausgiebig von seiner Mutter und von seinem Vater. Nun hat Wachtendorf drei Biografien.

Bald sind es 50. Die Seite hurreler.com geht online, und plötzlich haben die Toten wieder ein Leben.

Schweers, Frieda: Sie ist das vierte Kind von Hermann Hinrich und Gesine Schweers. Die Eltern sind traurig; Friedas Bruder Johann ist noch nicht lange tot, er starb kurz nach seinem ersten Geburtstag. So viele Kinder sterben damals früh! Aber Frieda übersteht ihr erstes Jahr, ebenso ihr zweites. Im Winter 1910/11, Erkältungszeit, erkrankt sie plötzlich, Lungenentzündung. Keiner kann ihr helfen. Frieda stirbt am 2. Februar 1911, sie ist noch nicht einmal drei.

Wilkens, Friedrich: Er ist der Onkel der kleinen Frieda Schweers. Nach der Volksschule (jeden Morgen ein Lied aus dem Gesangbuch, danach Gebet, einmal die Woche Bibelstunde) arbeitet er als Knecht. Soll das seine Zukunft sein? Am 2. September 1911 schifft er sich in Bremerhaven auf dem Passagierdampfer „George Washington“ ein und fährt nach Amerika. Er wird Farmer, bald bewirtschaftet er sein eigenes Land. Wilkens stirbt 1978 mit 88 Jahren, Hurrel hat er nie wiedergesehen.

Birth, Grete: Sie wird in Pommern geboren und wächst in Ostpreußen auf. Als die Front näher rückt, unternimmt die Familie einen Fluchtversuch. Vergeblich, die russische Armee ist schneller. Es geht zurück auf den elterlichen Hof. Unter den sowjetischen Besatzern sind Schikane, Plünderung, Misshandlung an der Tagesordnung. 1947 beansprucht schließlich ein Pole den Hof, die Familie muss gehen. In Hurrel findet Grete Birth ein Zuhause; dort bleibt sie, bis sie 1969 zu ihrem Sohn Manfred nach Gifhorn zieht.

Manchmal ist ein Leben zu kurz für eine ausführliche Biografie, manchmal ist die Faktenlage knapp. Der Recherche sind Grenzen gesetzt, „ich kann nicht jedes Detail überprüfen“, sagt Egon Wachtendorf. Aber das Internet bewahrt nicht nur, es ist auch beweglich: Die Biografien können jederzeit erweitert werden, um Fakten, Fotos, Familiäres. „Jeder kann helfen“, sagt Egon Wachtendorf, „jeder, der möchte.“

Gretes Sohn Manfred Birth, der spätere Bürgermeister von Gifhorn, mochte: Seitenlang erzählt er von seiner Mutter, erklärt die Fluchtroute, erinnert sich an die Baracke in Hurrel mit den Matratzen aus Kartoffelsäcken und dem Raureif an den Holzwänden.

100 Biografien auf einen Blick

Was für eine Idee: ein Wikipedia aller Hurreler, ein Wikipedia aller Menschen. Wachtendorf will kein Geld mit seiner Gedächtnisseite verdienen, er erhebt auch keinen Anspruch auf Urheberschaft. Er fände es toll, wenn es überall Gedächtnisseiten gäbe: für Dörfer, Firmen, Vereine.

Er weiß, dass seine Seite womöglich niemals vollständig wird, dass seine Arbeit niemals aufhören wird. Seine Kinder sind groß, immer häufiger steigt er abends nach dem Journalistenjob für einen Hamburger Verlag die Stahlstufen hoch zu seinem Arbeitszimmer unterm Dach. „Ich bin nicht so der Garten-Typ“, sagt er und lacht. Er hat ein anderes Hobby: erinnern.

Er hat jetzt die 100. Biografie online gestellt.

Pape, Heinrich: Er ist noch ein Kind, als zuerst seine Mutter stirbt, dann seine kleine Schwester und sein kleiner Bruder. Der Vater heiratet erneut, das Paar bekommt ebenfalls Kinder, im Haus wird es zu eng. Heinrich ist kaum 14, als er auf einem Bauernhof in Stellung geht. Doch bald bricht der Erste Weltkrieg aus, Heinrich zieht als Musketier an die Westfront. Er stirbt, gerade 22 Jahre alt, in englischer Kriegsgefangenschaft.

Hnr. Pape, ein Name von 41 auf einem Gedenkstein, ist seit 100 Jahren tot. Vergessen ist er nicht (mehr).


   www.hurreler.com 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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