Immer mehr Kinder und Jugendliche in Niedersachsen, aber auch im Weser-Ems-Gebiet werden wegen Depressionen behandelt. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

SeiffertDa kann ich nur spekulieren: Es kann zum Beispiel an einer höheren Inanspruchnahme der J1- und J2-Untersuchungen liegen, dass mehr depressive Phasen als solche erkannt werden. Ein anderer Grund kann sein, dass der Leistungsdruck größer geworden ist, insbesondere wegen der verkürzten Schulzeit durch das Turbo-Abi. Ein weiterer Faktor kann sein, dass Teenager oft das Gefühl haben, ständig „up-to-date“ sein zu müssen, und soziale Medien wie Facebook oder Twitter einen großen Stellenwert haben. Vielleicht gibt es weniger wirkliche Freunde, dafür aber mehr virtuelle Freunde. Vielleicht fehlt ihnen dadurch in schwierigen Zeiten der soziale Rückhalt.

Worin äußert sich eine Depression bei Kindern und Jugendlichen?

Seiffert Körperliche Symptome sind zum Beispiel Kopfschmerzen, Gewichtsverlust oder Ein- und Durchschlafstörungen. Im Vordergrund stehen jedoch die psychischen Symptome wie Selbstzweifel, Ängste, Lustlosigkeit, Konzentrationsmangel und Stimmungsanfälligkeit. Auch das Gefühl, den sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, kann ein Symptom einer depressiven Phase sein. Formal gelten die gleichen Diagnosekriterien wie bei Erwachsenen. Allerdings ist es oftmals schwierig zwischen einer normalen jugendlichen Entwicklung und einer depressiven Phase abzugrenzen.

Wie unterscheidet sich die Therapie von jungen Patienten gegenüber der von Erwachsenen?

Seiffert Teenager benötigen einen ganz anderen Umgang. Die Behandlung hängt stark vom Alter und dem Entwicklungsstand des Patienten ab. Sie sollte immer an die Entwicklungsphase des Kindes angepasst sein. Generell kann man sagen, dass bei Jugendlichen weniger Medikamente eingesetzt werden. Die Behandlungszeit ist bei Kindern und Jugendlichen oft länger. Bei Klinikaufenthalten gehört auch eine Klinikschule zur Behandlung.

Frank Seiffert ist Pressesprecher der Technikerkrankenkasse. Laut deren Daten stieg die Zahl der wegen Depressionen teil- beziehungsweise vollstationär behandelten Kinder und Jugendlichen im Weser-Ems-Gebiet von 112 in 2009 auf 171 in 2012 um 52,68 Prozent.