Herr Dudler, Ihr Entwurf für das Marktcarré war mit großer Mehrheit von der Jury befürwortet worden, kurze Zeit danach gibt es nur noch einen Scherbenhaufen. Was ist hier schief gelaufen?
DudlerWir sind schon sehr unglücklich mit der Situation. Dabei sind wir Gegenwind gewohnt. Sie müssen wissen, wir beteiligen uns sicher an 20 bis 30 Wettbewerbsverfahren im Jahr, in Deutschland und in ganz Europa. Diskussionen gehören selbstverständlich dazu. In Oldenburg vermissen wir den Dialog. Die Stadt hat bislang nicht den Kontakt zu uns gesucht. Es gibt keine Kommunikation. Das kenne ich so nicht. Das hat mich gewundert und das hätte ich mir anders gewünscht.
Bei einem anderen Umgang wäre es anders gekommen? Der Oberbürgermeister und die Stadtbaurätin waren nicht zufrieden, und auch aus der Politik kam relativ viel Gegenwind.
DudlerNehmen wir das Beispiel Heidenheim an der Brenz, wo wir eine neue städtische Bibliothek in der Innenstadt gebaut haben. Da sind wir ebenfalls aus 16 Wettbewerbsbeiträgen ausgewählt worden – und die Stadt wollte unser Projekt anfangs auch nicht. Jetzt sind alle begeistert. Dasselbe gilt für die Diözesanbibliothek in Münster. Am Anfang war auch sie sehr umstritten, und nach zehn Jahren ist die ganze Stadt begeistert. Man muss einem Entwurf auch erstmal eine Chance geben und das braucht Zeit. Architektur will auch erst angeeignet werden, wie die Kunst. Man muss sich damit auseinandersetzen. Das ist zumindest unsere Erfahrung. Beim Umbau des Hambacher Schlosses in Neustadt an der Weinstraße war es ähnlich. Jetzt sind alle extrem zufrieden, 2013 haben wir dafür sogar den Preis des Deutschen Architekturmuseums erhalten.
Sie sind ein Stararchitekt mit einer Vielzahl an renommierten Bauwerken. Hat man Sie aus Ihrer Sicht hier also einfach nicht verstanden?
DudlerIch bin, wie gesagt, überhaupt nicht gegen Kritik. Nur die Form, in der es hier abgelaufen ist, war ungewöhnlich. Inhaltlich bin ich der Ansicht, dass unser Entwurf sehr gut gepasst hätte, sowohl in seiner Konzeption als auch in seinem Bezug zur Lambertikirche. Wir machen eine Architektur, die sehr zeitlos ist. Die heute modern ist, aber auch in 100 Jahren noch funktioniert. Es geht darum, wieder an die Geschichte anzuschließen: Wir transformieren oder übersetzen Ideen und Formen in unsere heutige Sprache. Ein Beispiel dafür ist unser Empfangsgebäude für das Drägerwerk in Lübeck. Dort ging es uns um die norddeutsche Backsteinarchitektur. Jedoch nicht als Zitat oder Kopie. Wir verschieben Perspektiven und abstrahieren, das ist auf Anhieb vielleicht manchmal schwer zu verstehen. Zeitlos, modern, nicht modernistisch und nicht formal.
Das Abstimmungsergebnis war ja eindeutig. Hat man aus Ihrer Sicht zu schnell aufgegeben, nachdem auch aus der Bevölkerung viele kritische Stimmen kamen?
DudlerEs ist so: Die, die es toll finden, melden sich nicht. Das ist überall das Dilemma. Wir haben uns sehr gefreut, dass wir diesen Wettbewerb gewonnen haben. Der gewählte Gestaltungsbeirat der Stadt fand es auch gut. Und die Stadt konnte weiteren Einfluss darauf nehmen. Im Übrigen bin ich nicht der Ansicht, dass das Gebäude zu mächtig geworden wäre. Das hätte man sich mal plastisch im Modell anschauen müssen, da würde das einen völlig anderen Eindruck machen.
Kann ein Architekt nach so einer Erfahrung auch einfach mal beleidigt sein?
DudlerIch gebe schon zu: Mein Ehrgeiz ist gekränkt. Wir bauen in Brüssel, in Antwerpen, in Moskau, in der Schweiz, in Wien, wir haben auch an vielen sehr sensiblen Orten gewonnen. Zumal ich, wie gesagt, den Entwurf in Oldenburg nicht zu hoch und sehr gut gegliedert finde. Im Dialog mit den Beteiligten sind zudem ja auch immer noch Veränderungen möglich. Das ist doch völlig klar und auch üblich. Unsere Erweiterung des Bundesrats in Berlin überarbeiten wir derzeit auch. Das ist Planung.
Ein Hauptpunkt war ja die Gliederung, die vielen auf so einer breiten Fläche doch etwas fehlte. Können Sie so etwas auch nachvollziehen?
DudlerWir haben es dann ja subtil nachgegliedert. Das hätten wir vielleicht besser von vorneherein gemacht. Das hätte dem Ganzen nicht geschadet und wäre hier besser angekommen.
Würden Sie denn noch einmal etwas in Oldenburg machen wollen?
DudlerSelbstverständlich. Ich kämpfe weiter.
