Wie hat sich das Verhalten von Gefangenen gegenüber JVA-Mitarbeitern in den letzten Jahren entwickelt?
gerdesDie Gefangenen werden einerseits älter und andererseits verhaltensauffälliger. Darauf hat das Justizministerium Niedersachsen reagiert. Unter anderem wird in Oldenburg eine Station für psychisch kranke Gefangene aufgebaut, die im kommenden Jahr in Betrieb genommen werden soll. Außerdem gibt es mehr körperlich behinderte Gefangene in den Haftanstalten. Vor 20 Jahren habe ich noch keine Rollstühle in Haft gesehen. Heute schon.
Wie wirkt sich das auf den Gefängnisalltag aus?
gerdesEin Mitarbeiter wurden zum Beispiel als „Nazi“ bepöbelt, ein anderer mit einer abgebrochenen Flasche bedroht. Wir halten schon viel aus, Anzeigen werden selten gestellt. Wenn Taten zur Anzeige gebracht werden, müssen wir zu unserer Enttäuschung immer wieder feststellen, dass diese nicht weiter verfolgt, sondern wegen Nichtigkeiten eingestellt werden. Wir brauchen keine neuen Gesetze, aber wir sollten den Mut haben, diese auch anzuwenden. Die Einstellung der Verfahren hat Signalwirkung für andere Gefangene. Die Mitarbeiter im Vollzug haben den Schlüssel und sind der Schlüssel zum Erfolg. Wenn die Arbeit so torpediert wird, dann ist das deprimierend.
Woran liegt es, dass die Respektlosigkeit und die Gewalt zunehmen?
gerdesDas Problem ist, dass der Hauptteil der Gesellschaft in den vergangenen Jahren vieles hingenommen hat. Ich grenze keinen Menschen aus, nur weil ich ihn auf unsere Regeln hinweise. Wenn jemand verlangt, von einem männlichen Arzt behandelt zu werden, ist das in Ordnung. Er hat aber keinen Anspruch darauf. Darüber hinaus wurde im Vollzug und bei der Strafverfolgung viel gespart. Man muss akzeptieren, dass die innere Sicherheit den Staat Geld kostet.
Was muss getan werden, um diese Situation zu verbessern?
gerdesIch fände es gut, wenn wir in der Bundesrepublik ein einheitliches Strafvollzugsgesetz und ein Untersuchungshaftgesetz hätten. Die Stellen im Vollzug und bei den Staatsanwaltschaften müssen aufgestockt und die Bediensteten weiter geschult werden. Wir müssen die Kultur des Hinschauens weiterentwickeln – sowohl in der JVA als auch außerhalb.
Thomas Gerdes ist stellvertretender Landesvorsitzender des Verbands Niedersächsischer Strafvollzugsbediensteter. Seit 20 Jahren arbeitet er in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg und ist dort für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
