Ihr Vater Mehmet Kubasik ist 2006 in seinem Kiosk in Dortmund ermordet worden. Vor drei Jahren wurde bekannt, dass es die Rechtsterroristen des NSU waren. Wie haben Sie es damals erfahren?

KubasikEine Freundin rief mich an und fragte mich, wie es mir gehe. Das war irgendwie komisch. Ich merkte, dass sie mir etwas sagen wollte, aber nicht wusste wie. Plötzlich erklärte sie mir: Gamze, sie wissen jetzt, wer es war. Später sagte sie leise zu mir: Es sind Nazis gewesen. Das war ein Schock für mich. Jahrelang gab es den Verdacht. Aber wirklich vorstellen konnte ich mir das nicht.

Wie schwer war es, mit der jahrelangen Ungewissheit zu leben?

Kubasik Wir wurden immer wieder verdächtigt. Mein Vater ist als Krimineller bezeichnet worden. Alle haben über uns geredet und mit dem Finger auf uns gezeigt. Es war eine sehr, sehr schwierige Zeit. Ich war erleichtert, endlich Klarheit über die Täter zu haben.

Gerade ist ein Buch von Angehörigen der NSU-Opfer erschienen. Darin schreiben Sie, dass sie keine Angst mehr empfinden, nur noch Wut. Worüber genau?

KubasikEs ist die Wut darüber, dass mein Vater auf diese Weise sterben musste. Ich empfinde Wut gegenüber allen Rechtsradikalen, den Angeklagten beim Prozess in München. Mein Vertrauen in die Behörden, in Politiker und in die Polizei ist zerstört. Sie hätten uns doch schützen müssen. Aber es gab keinen Schutz für meinen Vater.

Sie sind mehrfach nach München zum Prozess gereist. Weshalb war Ihnen die Aussage vor Gericht so wichtig?

KubasikDas war ich mir schuldig! Es war mir ein Anliegen, als Tochter eines der Mordopfer dem Richter klarzumachen, welches Leid über unsere Familie gebracht worden ist. Wäre ich nicht als Zeugin aufgetreten, hätte ich mir das später nicht verzeihen können.

Im Gerichtssaal haben Sie nur wenige Meter von der Angeklagten Beate Zschäpe entfernt gesessen. Auf welches Urteil hoffen Sie?

KubasikIch habe bei Frau Zschäpe kein Stück Menschlichkeit mir gegenüber gesehen, keine Reaktion. Mein Vater ist kaltblütig ermordet worden. Sie gehört zu denjenigen, die die Verantwortung dafür tragen. Für die Familien der Opfer ist klar: Beate Zschäpe muss die Höchststrafe erhalten. Alles andere wäre ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen.