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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Erinnern statt vergessen

03.11.2018
Frage: Frau Dr. Migdal, Sie sind Jahrgang 1948, haben Musik und Geschichte, Philosophie und Soziologie studiert und sich in Ihren Veröffentlichungen immer wieder mit dem Holocaust befasst. Für mich klingt das wie die Vita einer Bilderbuch-Achtundsechzigerin...
Migdal: ...Tatsächlich hat meine Kritik am Schweigen der deutschen Gesellschaft zu den Menschheitsverbrechen der Nazis schon Jahre vor 1968 eingesetzt. Mein Vater, ein Opernsänger, hatte als Sozialdemokrat unter den Nazis seine Stelle am Theater Dortmund verloren. Ich war 13, 14 Jahre alt, als ich zusammen mit ihm die ersten BBC-Filme über Auschwitz-Birkenau und Buchenwald angesehen habe: Berge von Leichen, die Überlebenden ausgemergelt bis aufs Skelett. Zu wissen, dass so etwas möglich war, und meine Fassungslosigkeit über Taten und Täter haben einen Stachel in mir eingepflanzt: den Stachel des Schmerzes und der Auflehnung, der Auflehnung gegen die Haltung des Nicht-Wissen- und Nicht-Wahrnehmen-Wollens.
Ulrike Migdal BILD: M. Wittenberg
Marian Migdal BILD: Privat

Über die Familie Migdal

Ulrike Migdal wurde für ihre Veröffentlichungen über die „Theresienstadt-Dichterin“ Ilse Weber („Ich wandre durch Theresienstadt“) -- Hörspiel und Buch -- mit dem Preis des Deutschen Kulturrates ausgezeichnet. Am Samstag, 10. November, 19 Uhr, referiert sie in der Konzertkirche Warfleth über „Bach und Barbarei -- Musik in Konzentrationslagern“. Der Eintritt ist frei. Auch wird sie das Konzert am Sonntag mit kurzen Wortbeiträgen bereichern.

Liv Migdal, Violine, hat sich mit Auftritten in Hamburg, Berlin und Salzburg in die Spitze der besten deutschen Geigerinnen gespielt. Sie ist Trägerin mehrerer international bedeutender Preise. Bei ihrem ersten Konzert in Warfleth wurde sie vom Publikum regelrecht gefeiert. Zusammen mit der norwegisch-chinesischen Pianistin Jie Zhang gestaltet sie am Sonntag, 11. November, 11.11 Uhr, eine Matinee zum Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome und in memoriam Marian Migdal.

Marian Migdal, am 11. November 1948 in Polen geboren, studierte Klavier in Warschau, Stockholm und New York. Der Gewinner des ARD-Musikwettbewerbs, des Loeb Award der Juillard School New York, des Robert-Schumann-Prize (USA), ausgezeichnet als „Bester Musiker Schwedens“, lehrte von 1985 bis 2014 als Professor in Hamburg. Seine zahlreichen, für große internationale Labels eingespielten CDs bilden alle Genres des klassischen Klaviers ab. Mehrere CDs wurden international ausgezeichnet, u.a. die gemeinsam mit Tochter Liv aufgenommene CD mit Violinsonaten von Beethoven, Debussy und Strauss. Marian Migdal starb am 2. April 2015.

Frage: In Ihren Büchern über „Chansons und Satiren im KZ Theresienstadt“ (1986) und über die Dichterin und Liedkomponistin Ilse Weber (2008) haben Sie etliche noch aufgefundene Gedicht- und Liedtexte Ermordeter veröffentlicht. Seither gelten Sie als Expertin in Sachen „Musik in Konzen-trationslagern“. Wie hat sich das entwickelt?
Migdal: Ziel der Nazis war die Auslöschung von Juden, ihre körperliche Vernichtung und die Vernichtung ihrer Gedanken und Werke. Deshalb haben sie Bücher verbrannt und all das zu zerstören versucht, was die Gefangenen an Texten, Zeichnungen oder Noten in den Lagern selbst hervorgebracht hatten. Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass das alles verloren sein soll, und habe Privatarchive und Archive von KZ-Gedenkstätten durchsucht und Überlebende und Angehörige von Opfern gezielt befragt. In den Achtzigern durfte ich in Yad Vashem wochenlang Originaldokumente sichten. Bei den Recherchen ergab sich, dass das eine oder andere doch noch existierte, rechtzeitig herausgeschmuggelt oder auf dem KZ-Areal abenteuerlich versteckt. Es ging mir darum, diese Funde durch Veröffentlichung dem Vergessen zu entreißen. Darum geht es auch in meinem Vortrag am kommenden Samstag und tags drauf im Konzert am 11. November in Warfleth.
Frage: Welche Musik erwartet die Zuhörer in unserer Konzertkirche am Deich?
Migdal: Das Programm hat meine Tochter Liv zusammengestellt. Es gibt Bachs berühmte Chaconne, sie erklang oft in Auschwitz und in Theresienstadt: Sie war den verzweifelten Menschen Rettungsinsel und Hoffnungsgrund. Ansonsten steht Musik jüdischer Komponisten aus unterschiedlichen Epochen auf dem Programm, darunter Werke, die unmittelbar an den Holocaust erinnern. Von Robert Dauber etwa, einem KZ-Opfer, die Serenade, das einzige seiner Stücke, das nicht vernichtet wurde. Paul Ben Haim, der als bedeutendster Komponist Israels gilt, musste 1933 als Paul Frankenburger aus Deutschland ins britische Mandatsgebiet Palästina emigrieren. Auch und gerade heute ist es wichtig, die Zusammenhänge zu kennen und nicht nachzulassen, an sie zu erinnern.
Frage: Sie haben sich mit Ihren Büchern, Aufsätzen, Vorträgen und Rundfunk-Features über Jahrzehnte unermüdlich immer wieder der Gedenkarbeit gewidmet. Außerdem haben Sie ihren 2015 verstorbenen Mann, den legendären Pianisten und Professor Marian Migdal, nach Kräften unterstützt. Und nebenbei haben Sie mit ihm zwei Kinder großgezogen, Nadia, die Schauspielerin geworden ist, und Liv, die Geigerin. Geige, nicht Klavier...
Migdal: ...„nebenbei“ ist gut (lacht). Das hat schon volle Kraft erfordert. Es war das Herz unseres Lebens. Ja, beide Kinder haben sich für die Geige entschieden. Mein Mann und ich als Klavierspieler hätten uns auch anderes vorstellen können, aber wir wollten ihnen die Freiheit lassen. Liv hat das Geigenspielen sogar zu ihrem Beruf gemacht, sehr zur Freude meines Mannes; die beiden haben miteinander musiziert quasi von Livs Kindesbeinen an, sind später zusammen aufgetreten und haben gemeinsam CDs aufgenommen.
Frage: Unter anderem eine CD mit Werken von Jozef Wieniawski, eines polnischen Juden, der Anfang des 20. Jahrhunderts zu den besten Pianisten und Komponisten Europas gezählt wurde. Seine große d-Moll-Sonate wird am Sonntag in Warfleth erklingen, gespielt von Ihrer Tochter Liv und von Jie Zhang am Klavier, einer von Marian Migdals Schülerinnen.
Migdal: Mein Mann hat diese Sonate, ein grandioses, ergreifendes Werk im Stil der Spätromantik, quasi entdeckt. Die gemeinsame CD-Aufnahme mit Liv war weltweit die erste Einspielung auf Tonträger. Für meinen Mann sollte es die letzte CD sein, bevor er starb. Sie entstand Ende 2014, als er schon krank war. Es war wie immer, wenn Marian und Liv im Duo Musik machten, ein Spielen aus einem einzigen Atem, das das musikalische Miteinander bestimmte und so einzigartig machte.
Frage: Für Sie und Ihre Tochter Liv verbindet sich mit dem Datum des Konzerts in der Warflether Kirche etwas sehr Besonderes, nicht nur, weil am 11. November 1938 die Judenpogrome tobten und auch nicht nur, weil Wieniawski am 11. November 1912 verstorben ist ...
Migdal: ... ja. Marian, unser lieber Mann und Vater, wäre am Tag des Konzerts 70 Jahre alt geworden.

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