Ursula von der Leyen will Eltern von Schulschwänzern mit Geldbußen bestrafen. Wird das Problem ernst genug genommen?

Ricking Insgesamt kann man feststellen, dass sich die Aufmerksamkeit von Schulen und Ministerien in Bezug auf dieses Thema verbessert hat. Bis in die 90er Jahre hinein war das ein Tabuthema. Es gab vermutlich nicht weniger Schulschwänzer als heute, aber die Schulen und Ministerien haben das verschwiegen, um sich nicht in ein schlechtes Licht zu rücken.

Wie kann man Lehrer auf den Umgang mit Schulschwänzern vorbereiten?

RickingZunächst einmal muss man verstehen, warum die Schule geschwänzt wird. Das liegt u. a. am Misserfolg in der Schule. Wer immer im unteren Leistungsspektrum war, wenig Perspektiven hat und keine Zuversicht, ist prädestiniert zum Schwänzen. Aber die Muster sind vielfältig. Bußgelder und Arreststrafen führen nicht zum Ziel. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen ist sehr beschränkt. Oft geht es nur um die Frage, wer kriegt den schwarzen Peter.

Wer ist denn ihrer Meinung nach Schuld, die Lehrer, die Eltern oder das System?

RickingEs ist immer eine komplexe Sache, bei der man mit dem Schuldbegriff sowieso nicht weiterkommt. Aber wir wissen natürlich, dass die Bedingungen im Elternhaus bei Schulschwänzern oftmals ungünstig sind. Diese Kinder haben schlechtere Startbedingungen. Sie vermeiden den Ort des Versagens – wir alle stellen uns nicht gerne Situationen, in denen wir keine Erfolge haben. Und dann stellt sich die Frage, wie sehr die Schule in der Lage ist, das Kind trotzdem einzubinden. Das Benotungssystem zielt auch darauf ab, Schüler miteinander zu vergleichen, darum ist ein Teil des Problems systembedingt: Wir produzieren Gewinner und Verlierer.

Wie sollten Lehrer auf Schulschwänzern reagieren?

RickingLehrer, die das Problem nicht als ein pädagogisches sehen, haben keine Chance. Dann muss die Schule reagieren, wenn ein Schüler fehlt: Bei vielen ist das nicht der Fall. Die Schulen sollten auf ihr Sozialklima achten, so wenig Ängste produzieren wie möglich und jedem Schüler Erfolge vermitteln. Wenn ein Schüler nach langer Zeit wieder in die Klasse kommt, sollte der Lehrer auf sarkastische Sprüche verzichten.

Dr. Heinrich Ricking (46) ist Förderschullehrer und Dozent an der Universität Oldenburg im Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik. Er ist Experte für mit Lern- und Verhaltensstörungen und sensibilisiert Lehramtsstudenten für das Problem Schulschwänzen.