Herr Rörig, die Mutter des jahrelang schwer missbrauchten Jungen in Staufen wurde zu zwölfeinhalb, ihr Lebensgefährte zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Wie bewerten Sie das Urteil und die gerichtliche Aufarbeitung des Falls?

RörigEs ist gut, dass das Strafmaß im oberen Bereich der Höchststrafe liegt und der hochgefährliche Haupttäter Sicherungsverwahrung bekommen hat. Das Landgericht Freiburg hat den Missbrauchsfall Staufen sehr schnell behandelt. Das ist ein wichtiges Signal.

Jugendamt und Justiz haben das Kind jahrelang nicht geschützt. Wie konnte es zu solch einem Versagen kommen?

RörigIm Zusammenspiel der hier entscheidenden Behörden – Jugendamt, Familiengericht und Ermittlungsbehörde – ist das Wohl des Jungen absolut unter die Räder gekommen. Man hat sich weder vernetzt noch die notwendige Sensibilität gezeigt. Gesetzlich vorgesehene Mitteilungspflichten auch über Neustraftaten sind nicht weitergeleitet worden. Die Auflage, dass sich der Haupttäter dem Kind in der Wohnung nicht nähern darf, ist nicht kontrolliert worden. Der Junge wurde auch vom Gericht nicht angehört, und ihm wurde kein Verfahrensbeistand zugeordnet. All das hat mich schwer erschüttert.

Was fordern Sie?

RörigFamilienrichter müssen bessere Kenntnisse über alle Fragen des Kindeswohls haben und geradezu Spezialisten für innerfamiliäre Konfliktsituationen werden. Heute ist es so, dass man schon nach einem Jahr Probezeit Familienrichter werden kann. Es sind keine weiteren Kenntnisse notwendig. Daher fordere ich strengere Einstiegsvoraussetzungen sowie eine gesetzliche Fortbildungspflicht. Auch müssen die Jugendämter dringend besser personell ausgestattet werden. Hier rächt sich, dass sie vielerorts kaputt gespart wurden.

Was sollte die Politik tun?

RörigAlle Fehlentscheidungen müssen benannt werden. Da sehe ich auch den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in der Pflicht. Das ist ein Fall von bundesweitem Interesse, und er ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir wissen von 12 000 Fällen von Kindesmissbrauch pro Jahr, die Dunkelziffer geht in die 100 000. Die strukturellen Fehler, die hier aufgetreten sind, können sich überall wiederholen.

Im Darknet stoßen Polizeiermittler bislang häufig an Grenzen, da in vielen Foren sogenannte Keuschheitsproben verlangt werden. Mit computergenerierten Animationen könnte die Polizei täuschend echte Missbrauchsbilder hochladen, doch das ist bislang verboten. Sollte das erlaubt werden?

RörigJa, hier sollten das Bundesjustiz- und -innenministerium für gesetzliche Klarheit sorgen. Bislang begehen Ermittler eine Straftat, wenn sie solche Bilder hochladen. Wenn sie Keuschheitsproben hochladen dürften, würde das ihre Arbeit sicher erleichtern. Ich bin froh, dass die Justizministerkonferenz einen ersten Vorschlag zur Reform vorgelegt hat.