Herr Kuhnert, haben Sie heute schon gelocht?
Kuhnert(lange Pause) Doch, als ich heute Morgen aufstand, habe ich gelocht, wenn auch nur in Gedanken. In Vorbereitung auf dieses Interview habe ich mir meine verschiedenen Perforationen noch einmal vor Augen geführt.
Sie haben die von Ihnen erfundene Perforation Art erneut weiterentwickelt und das Ganze Perforismus genannt. Dabei werden Porträts mit Lochstrukturen überzogen. Auf diese Weise wirkt etwa das Gesicht von James Dean fast impressionistisch.
KuhnertDer Titel Perforismus ist bewusst gewählt – in Anlehnung an den Impressionismus –, aber ironisch gemeint. Denn meine Technik steht in diametralem Gegensatz zum Impressionismus, bei dem die Maler im 19. Jahrhundert versucht haben, mit kleinen Pinselstrichen einen optischen Eindruck wiederzugeben. Ich dagegen versuche mit den kleinen Strukturen des Perforismus, die im Wechsel zwischen malerischen Eingriffen und einer Bearbeitung am Computer entstehen, Emotionen darzustellen, quasi das Innere einer Person nach außen zu stülpen.
Wie ist das zu verstehen?
KuhnertJeder Mensch hat ja eine Fassade, hinter die man nur in Ausnahmesituationen blicken kann. Es geht mir um etwas, das eigentlich nicht fassbar ist und das erst durch die Perforation sichtbar werden soll.
Früher trugen Sie immer zur Baskenmütze einen Overall. Gibt’s den noch?
KuhnertEs hängen noch zwei Overalls in meinem Schrank, und die passen mir auch noch. Die werde ich demnächst wieder anziehen, wenn ich eine große Ausstellung außerhalb von Oldenburg habe, die ich anstrebe. Der Overall erinnert mich an frühere Zeiten und an die vielen Aktionen zu Beginn der Perforation Art.
In Ihrem Atelier ist in den 70er Jahren die legendäre Künstlergruppe „Kranich“ gegründet worden. Wäre so etwas heute noch denkbar?
KuhnertWir fühlten uns damals vom Bund Bildender Künstler (BBK) nicht vertreten. Deshalb haben wir – insgesamt sechs Künstler – eine eigene Gruppe gegründet und die Oldenburger Kunstszene durch verschiedene Aktionen bereichert, etwa durch den Bau einer Fahrradpyramide auf dem Schlossplatz. Jeder durfte Fahrradteile mitbringen und erhielt dafür ein Zertifikat. Leider hat die Pyramide nicht lange überdauert, weil sie in der Nacht geplündert wurde. Wir haben dann eine andere Pyramide gebaut – aus Spanplatten und mit einer Öffnung. Drinnen befand sich eine Skulptur aus den restlichen Fahrradteilen, die beim Schrottplatz zusammengepresst wurden – stellvertretend für die ursprüngliche Fahrradpyramide.
Heute kaum mehr vorstellbar.
KuhnertWohl nicht, denn Künstler sind heute mehr oder weniger Einzelkämpfer. Das war damals eine Zeiterscheinung und hat uns gegenseitig befruchtet – eine wunderschöne Zeit, die sieben Jahre dauerte.
Fühlen Sie sich vom BBK mittlerweile besser vertreten?
KuhnertDer BBK kümmert sich heutzutage intensiver um die einzelnen Künstler und macht auch interessantere Ausstellungen im Vergleich zu damals. Das hat sich in der Tat verändert.
In Ihrer Galerie in Oldenburg ist derzeit eine Retrospektive zu sehen – Ihre vierte Gesamtschau zum 70. Geburtstag. Denken Sie auch mal ans Aufhören?
KuhnertNeulich habe ich das Fahrradhaus aufgeräumt und meine alten Aluminiumplatten entdeckt. Das ist schon wieder die nächste Erfindung, die sich anbahnt. Ich möchte die Perforationen auf die großen Platten übertragen und aussägen lassen, vielleicht durch einen Laserstrahl, und diese mit einem gewissen Abstand vor die Wand hängen, so dass eine Schattenwirkung entsteht. Im Kopf habe ich das schon geplant. Aber das ist jetzt noch ganz frisch.
Also werden Sie auch weiterhin lochen und perforieren?
KuhnertDie Perforation Art lebt davon, dass man sich immer wieder neu erfindet. Und in der Gesamtschau meiner Erfindungen ist gerade zu sehen, wie viele Facetten, wie viele Ausformungen diese Kunst hat.
