Herr Professor Wolffsohn, der palästinensische Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, soll Hitler 1941 zur systematischen Ermordung der Juden gedrängt haben. Das zumindest behauptet Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und hat damit eine Welle der Kritik ausgelöst. Wie war es damals wirklich?
WolffsohnWie so oft, wurde auch dieses Zitat in der Weltpresse verkürzt. Tatsächlich hatte Netanjahu zurecht darauf hingewiesen, dass Husseini, noch in Palästina, zu Mordtaten gegen Juden in den Jahren 1920, 1921, 1929 aufgerufen hatte. Sie wurden ausgeführt. „Bibi“ Netanjahu vergaß Husseinis Hetze zum antijüdischen Aufstand 1936 bis 1939 und Husseinis Beteiligung im Mai 1941 am prodeutsch-nazistischen Aufstand im Irak. Danach floh er nach Berlin, wo er Asyl bekam. Am 28. November 1941 wurde er von Hitler empfangen. Da waren Auschwitz und die anderen Massenmordstätten bereits fertig. Im Januar 1942 begann dort die industrielle Massenermordung. Womit Netanjahu wieder Recht hat: Bis 1939 wollte Hitler tatsächlich die Juden sozusagen nur vertreiben. Ab September 1939, also seit dem Überfall auf Polen, und noch mehr seit Juni 1941, also seit dem Überfall auf die Sowjetunion, wurden Juden hunderttausendfach erschossen. Bis Dezember 1941 waren es mehr als eine halbe Million. In ihrer verbrecherischen Effizienz wollten Nazis und Wehrmacht allerdings die ihnen kostbare Munition nicht an Juden sozusagen verschwenden und kamen auf die Idee der industriellen Massenermordung.
Das heißt?
WolffsohnAls Ideengeber des millionenfachen Judenmordens brauchten Hitler & Co. Husseini nicht. Hier hat Netanjahu also total Falsches gesagt. Womit er wiederum Recht hat: Ab 1941 hat Husseini erfolgreich muslimische Freiwillige für die Waffen-SS mobilisiert, also für Hitlers Krieg und Holocaust. Von Berlin aus half er Rommels Afrika-Korps bei der Vorbereitung des Abtransports von Juden nach Auschwitz und die anderen Höllen. Ungefähr tausend nordafrikanische Juden wurden in KZ ermordet. Das hat Netanjahu verkürzt erwähnt, und das stimmt.
Bei seinem Besuch in Berlin hat Netanjahu seine Äußerungen gerechtfertigt. Widersprechen seine Äußerungen nicht allen wissenschaftlichen Erkenntnissen?
WolffsohnNetanjahus Feststellungen sind, abgesehen von jenem krassen Fehler bezüglich des Mordgedankens, richtig.
Wie ist ein solcher verbaler Affront zu erklären?
WolffsohnGegenfrage: Wie ist es zu erklären, dass sich fast alle auf Netanjahus krassen Fehler stürzen, aber nicht auf die übrigen richtigen, fast sogar diplomatischen Verkürzungen? Dennoch sei dies gesagt. Das war plumpe Propaganda. So plump wie heute der Vorwurf von Hamas-Führer Maschal in Südafrika, dass Israel ein Apartheid-Staat wäre. Und die internationale Öffentlichkeit, Politik und Medien, begeben sich auf dieses Tiefstniveau. Dummes Schwarz-Weiß. Unerträglich.
Reiht sich Netanjahu damit nicht in die Schar der Holocaust-Leugner ein, wie auch einige Ihrer Historiker-Kollegen urteilen?
WolffsohnDas ist Unsinn!
Der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern spitzt sich weiter zu. Stehen wir vor einer neuen Intifada?
WolffsohnEgal, wie man das nennt. Es herrscht Terror. Wie nach der ersten und zweiten Intifada zahlen die Palästinenser als Kollektiv den höheren Preis. Ein absoluter Gewaltverzicht der Palästinenser brächte in Israel einen Umschwung der öffentlichen Meinung zugunsten weitgehender Kompromisse und somit eine kompromissbereite Regierung an die Macht. Die Tragödie des palästinensischen Volkes besteht auch darin, dass ihre Führung seit den 1920er Jahren meinte, mehr mit Gewalt erreichen zu können. So wurde das Los der Palästinenser immer schlimmer. Ihre Gewalt provozierte überlegene israelische Gegengewalt. Sie brauchen einen Mahatma Gandhi.
