Herr Henrichmann, die Sichtungen von Wölfen insbesondere im Nordwesten Deutschlands nehmen zu. Freuen Sie sich über die Rückkehr?
HENRICHMANNSelbstverständlich betrachten wir Jäger den Wolf als eine Bereicherung für unsere heimische Tierwelt. Auch wenn es während des 20. Jahrhunderts praktisch keine Wölfe mehr bei uns gegeben hat: Die gemeinsame Geschichte von Mensch und Wolf reicht viele Jahrtausende zurück. Wir sollten allerdings aus meiner Sicht einen Unterschied machen zwischen „Freude“ über die Rückkehr und „Akzeptanz“.
In Goldenstedt (Landkreis Vechta) wurde ein Wolf sogar am Zaun eines Waldkindergartens beobachtet. Wie reagieren Sie da als Vater?
HENRICHMANNDieser Vorfall an einem Kindergarten, der natürlich für besonderes Aufsehen gesorgt hat, war ja nicht der einzige in den vergangenen Wochen. Gleich mehrfach wurden in Norddeutschland Wölfe gesehen, gefilmt und fotografiert, die offenkundig keine Scheu gegenüber dem Menschen zeigten. Dies erschreckt mich genauso wie die Vorstellung, dass mein Kind beim Spielen plötzlich einem Wolf Auge in Auge gegenübersteht.
Ist der Wolf in Deutschland zu einer Bedrohung für den Menschen geworden?
HENRICHMANNGefährlich wird es, wenn die Tiere plötzlich ohne Scheu vor dem Menschen umherziehen. Nach den Vorkommnissen aus der letzten Zeit befürchte ich, dass wir schon bald echte Bedrohungen von Menschen durch Wölfe erleben könnten. Da die Tiere sich in den vergangenen Jahren in immer mehr Regionen Deutschlands zeigen, kommt ein Aspekt hinzu: Unsere eng besiedelte Kulturlandschaft ist schlichtweg nicht für das Nebeneinander von Wolf und Mensch geeignet. Folglich wird es in Zukunft immer häufiger zu Konflikten kommen.
Das bedeutet?
HENRICHMANNWir müssen langfristig Kompromisse finden – angesichts begründeter Ängste in der Bevölkerung,
konkreter wirtschaftlicher Sorgen bei Schäfern und Landwirten sowie einer übertriebenen Begeisterung sogenannter Naturschutzorganisationen. Das bedeutet auch: In bestimmten Fällen muss es eine Regulierung des Wolfes geben. Und dazu gehört der Wolf in das Jagdrecht.
Marc Henrichmann ist seit Mai 2014 Geschäftsführer der Jägerstiftung „Natur und Mensch“. Der Rechtsanwalt und CDU-Kommunalpolitiker äußert sich im Interview über die aktuelle Häufung der Wolfssichtungen in Deutschland.
