Frau Schmidt, die Kassen wollen künftig auch teure Bluttests auf Trisomie 21 übernehmen, bisher werden nur Fruchtwasseruntersuchungen auf das sogenannte Down-Syndrom übernommen. Warum lehnen Sie die Kassenfinanzierung der Bluttests ab?
SchmidtWeil es hier nicht nur um die Frage einer Kassenleistung geht. Als Sozialdemokratin bin ich immer gegen eine Zwei-Klassen-Medizin. Hier werden aber andere Fragen mit aufgerufen: Worin liegt der medizinische Nutzen und für wen? Welche Rahmenbedingungen, welche Informationen brauche ich, um mich für oder gegen einen Test zu entscheiden? Wie wird mein Recht auf Nichtwissen gesichert? Welche Beratung bekomme ich, wenn mein Test positiv ist? Wo sind die Grenzen, wenn wir bald alle Gene einfach entschlüsseln können?
Viele befürchten, die Kassen setzen damit einen gefährlichen Schritt hin zu einer „Normierung“ des Lebens. Wie sehen Sie das, auch mit Blick auf eine Gesellschaft, die in allen Bereichen auf mehr Optimierung zielt?
SchmidtDie allermeisten Menschen mit Behinderungen erlangen diese nach der Geburt. Auch die Medizin mit ihren Tests ist keine exakte Wissenschaft. Der Mensch besteht nicht nur aus seinen Genen. Was wir brauchen ist eine Willkommenskultur für alle Kinder, unabhängig von ihren Genen. Und wir benötigen eine bessere Unterstützung für Menschen mit Behinderung und ihre Familien. Sei es, weil sie sich um Kinder mit besonderen Herausforderungen kümmern oder ältere Menschen pflegen. Inklusion wirklich auch gesellschaftlich zu leben – das ist bei allem Fortschritt immer noch ein weiter Weg.
Als Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom – wie empfinden Sie die Debatte um die Bluttests persönlich?
SchmidtIch hoffe, dass wir mit der Debatte nicht nur ein positives Bild von Menschen mit Trisomie 21 und ihren Familien befördern, sondern dass wir uns als Gesellschaft darüber klar werden, dass technologischer Fortschritt – den ich nicht aufhalten möchte – auch einen politischen und einen ethischen Rahmen braucht.
