Herr Milde, mit welchen Gefühlen sieht ein ehemaliger Landtagspräsident dem Auszug des Landtags in ein mehrjähriges Provisorium entgegen?

MildeWer viele Zerstörungen hautnah erlebt hat, sieht natürlich mit Sorgen, dass die Sanierungseingriffe erheblich sein werden. Bei aller Notwendigkeit schmerzt es. So geht ein Stück Parlamentsgeschichte verloren.

Auch ein Stück Atmosphäre, wie Sie diese erlebt haben?

MildeAber ja! Dieses Plenum war 52 Jahre der Ort politischer Entscheidungen und Forum vieler Debatten. Für mich war 26 Jahre lang dieser Saal ein ganz besonderer Arbeitsplatz.

Was machte den besonderen Charakter dieses Plenums aus?

MildeDie einzigartige Nähe der Abgeordneten zueinander, ein Muster für lebendige Parlamentsarbeit.

Sie haben als Landtagspräsident viele Politiker hautnah erlebt. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

MildeDer beeindruckendste Redner war zweifellos Gerhard Schröder. Aber ich will auch den früheren FDP-Fraktionschef Winfried Hedergott und Ministerpräsident Alfred Kubel (SPD) nennen. Schröder hat im Plenarsaal den Aufstieg zum späteren Bundeskanzler vorbereitet. Ohne das Forum Landtag wäre Schröder vermutlich nicht Bundeskanzler geworden.

Welches Ereignis hat sich besonders tief eingeprägt?

MildeDie Plenarsitzung am 3. Oktober 1990, die von mir als Landtagspräsident als Sondersitzung festgelegt wurde – aus Anlass der Deutschen Einheit. Am Schluss dieser Sitzung wurde zum ersten Mal im Landtag die Nationalhymne gesungen. Beim Anstimmen der Hymne gingen Grünen-Abgeordnete aus dem Plenarsaal. Das ist für mich bis heute unvergesslich. Ein weiteres Ereignis: die Verabschiedung der niedersächsischen Verfassung 1993. Die Abstimmung über den Gottesbezug fand ohne Fraktionszwang statt. Eine einmalige Sitzung.

Was waren die größten historischen Leistungen?

MildeDazu zählt die Verabschiedung der Verwaltungs- und Gebietsreform – etwa von 1967 bis 1974/75. Dabei konnte ich wesentliche Teile mitgestalten.

Welchen Wunsch hätten Sie an den künftigen Landtag?

MildeMein Hauptwunsch wäre, dass das freie Mandat stärker zur Geltung kommt. Das gehört zu unserer Demokratie dazu. Abstimmungen sollten öfter freigegeben werden.

Entscheidung nach freiem Gewissen?

MildeJa! Mehr Demokratie.