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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Ein Weltkrieg ist wieder im Bereich des Möglichen

08.05.2015
Frage: Herr Knopp, 70 Jahre nach dem Kriegsende wird die Zahl der Zeitzeugen immer geringer. Wie verändert sich das Gedenken dadurch?
Knopp: Die Aufgabe der Historiker wird immer wichtiger. Der Zweite Weltkrieg wird zunehmend ein archäologisches Forschungsfeld. Ich war vor einigen Wochen für Dreharbeiten bei den Seelower Höhen östlich von Berlin, wo die Rote Armee die entscheidenden Kämpfe auf dem Weg nach Berlin geführt hat. Dort findet man im Boden noch heute Orden, Abzeichen, Patronen und andere Dinge, die von den Soldaten hinterlassen worden sind.
Frage: Ist der Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts noch stark genug im Bewusstsein der Deutschen? 58 Prozent wünschen sich einen Schlussstrich...
Knopp: Es kann und darf keinen Schlussstrich geben! Es ist die Aufgabe der Historiker und der Medien, die schrecklichen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Die wichtigste Erkenntnis für uns heute ist: Wir sind nicht schuld an dem, was geschehen ist. Aber wir tragen Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder geschehen darf.
Frage: In manchen Darstellungen werden die Deutschen als „Tätervolk“ beschrieben. Haben Sie mittlerweile eine Erklärung dafür, warum das Hitler-Regime so lange großen Rückhalt in der Bevölkerung hatte?
Knopp: Volk der Täter – diesen Begriff würde ich nicht verwenden. Schuld ist immer individuell. Es gibt keine Kollektivschuld. Natürlich hat es Hunderttausende von Tätern gegeben, die in den Konzen­trationslagern und während des Krieges Unrecht begangen haben. Das betrifft aber längst nicht alle Deutschen, die im Dritten Reich gelebt haben. Kain und Abel, das Gute und das Böse, sind in jedem Menschen angelegt. Wenn ein Regime die Gelegenheit gibt, das Böse auszuleben, und es damit verbrämt, dass alles einem höheren Zweck dient, sind offenbar viele bereit, dem zu folgen. Die Lehre daraus ist: Wehret den Anfängen!
Frage: Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat 40 Jahre nach Kriegsende in seiner berühmten Rede erstmals vom Kriegsende als „Tag der Befreiung“ gesprochen. Warum hat es so lange gedauert, bis sich diese Lesart durchgesetzt hat?
Knopp: 1985 zum Zeitpunkt von Weizsäckers Rede waren noch viele am Leben, die am 8. Mai 1945 Erwachsene waren und sich noch gut erinnern daran konnten. Sie haben diesen Tag nicht als Befreiung erlebt, sondern als den Moment des Zusammenbruchs. Die Westalliierten wollten Deutschland nicht in erster Linie befreien. Ihr Ziel war es, das Regime zu besiegen und die Deutschen zu bestrafen. Objektiv betrachtet – und diese Erkenntnis hat sich nach und nach durchgesetzt – war es natürlich eine Befreiung.
Frage: Haben Sie Verständnis dafür, wenn die frühere Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach den 8. Mai 1945 auch jetzt nicht allein als „Tag der Befreiung“ verstanden wissen will?
Knopp: Ja, durchaus. Viele Menschen waren auf der Flucht und dabei schutzlos der Rache der Roten Armee ausgeliefert. Auch für die Menschen in der DDR gab es keine wirkliche Freiheit. Dort wurde eine Diktatur durch eine andere Diktatur ersetzt. Für die Menschen in Ostdeutschland war der 9. November 1989 der eigentliche Tag der Befreiung.
Frage: Deutschland ist heute wieder ein akzeptierter und respektierter Partner in Europa. Ein Glücksfall der Geschichte?
Knopp: Der 8. Mai 1945 war materiell und moralisch ein Tiefpunkt. Wenn wir sehen, was sich daraus entwickelt hat, können wir stolz sein. Wir leben in Frieden und Freiheit, sind heute ein Land der Mitte in Europa, nicht mehr Frontstaat an der Nahtstelle zwischen den Supermächten. Man darf nicht vergessen: Wäre es zwischen den USA und der Sowjetunion zum Äußersten gekommen, hätte der Atomkrieg bei uns begonnen. Wir Deutsche sollten uns über den Lauf der Geschichte freuen und uns vor Großmannssucht hüten.
Frage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Dritten Weltkrieg kommt?
Knopp: Vor zehn Jahren hätte ich gesagt: Ein Weltkrieg, ein Krieg in der Mitte Europas, wäre völlig undenkbar. Inzwischen habe ich da Zweifel. Alle in Europa rüsten auf. Ein Krieg ist plötzlich wieder im Bereich des Möglichen. Umso wichtiger ist jetzt der Einsatz für Verständigung und Frieden.
Rasmus Buchsteiner
Korrespondentenbüro Berlin
Tel:
0441 9988 2018

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