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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Literatur: Ein wunderbarer Albtraum

15.07.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-07-15T11:32:51Z 280 158

Literatur:
Ein wunderbarer Albtraum

Frage: Ihr Englisch ist wahrscheinlich fantastisch?

Schimmang: Ich denke schon, dass es reicht. Ich bin oft in England gewesen und fahre auch in Kürze wieder hin. Aber wissen Sie was: Das Englische ist beim Übersetzen aus dem Englischen gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass man seine Zielsprache gut beherrscht – also das Deutsche. Daran hapert es oft. Es kann sein, dass jemand an der Uni als Professor Anglistik lehrt und die Sprache im Schlaf kann, aber eben kein Literat ist. Deshalb gehen Verlage mehr und mehr dazu über, Bücher von Autoren übersetzen zu lassen.

Frage: Ärgert es Sie, wenn Übersetzer in Büchern unter ferner liefen genannt werden?

Schimmang: Ja, es ärgert mich, wenn der Übersetzer nicht im Klappentext vorgestellt wird, wie der Autor auch. Schließlich ist er der Autor der deutschen Fassung.

Frage: Sind Übersetzungen dichterische Neuschöpfungen?

Schimmang: Ein Übersetzer hat die Aufgabe, das Original noch einmal in seiner Sprache zu schreiben. Und zwar im Ideal so, dass man gar nicht merkt, dass es aus einer anderen Sprache kommt. Das ist dann durchaus eine Neuschöpfung. Allerdings muss der Übersetzer sich nicht mehr um die Erfindung einer Geschichte kümmern.

Frage: Und dann blättern Sie links in der englischen Originalausgabe, rechts tippen Sie die Übersetzung ein?

Schimmang: So ähnlich. Ich schreibe prinzipiell in den PC, zumal ja auch die Wörterbücher schon digital vorhanden sind. Aber das Sprachliche ist oft das kleinere Problem.

Frage: Man sollte meinen, dass es enorm wichtig ist.

Schimmang: Zweifellos. Aber es geht auch um Inhalte und Bedeutungen. Um bestimmte Ausschnitte aus der Welt und dem Leben. Ich habe einmal einen Roman übersetzt, der von einem Autisten erzählt. Da habe ich mir Hilfe bei einem Freund geholt, der mit Autisten gearbeitet hat.

Frage: Machen Sie erst eine Wort-für-Wort-Übersetzung, dann den Feinschliff?

Schimmang: Ich will immer früh den Sound eines Buches ergründen, Anfänge sind oft das Schwerste. Deshalb übersetze ich 20 bis 30 Seiten und schicke sie schon mal dem Verlag. Dann können die sehen, ob sie sich das so vorgestellt haben. Nach 250 Seiten wäre das nicht so gut.

Frage: Werden Sie pro Seite bezahlt?

Schimmang: Ja, ich will keine Details nennen, aber es geht nach der sogenannten Übersetzernormseite. So eine Seite umfasst 1800 Anschläge, 30 Zeilen mal 60 Anschläge. Übersetzer werden nicht sonderlich gut bezahlt, aber es gibt Spannweiten je nach Übersetzer.

Frage: Werden Sie am Verkauf des Buches beteiligt?

Schimmang: Ja, diesmal mit einem Prozent pro verkauftem Buch im Laden vom ersten Exemplar an. Das könnte spannend werden, wenn die Auflagen riesig werden. Viele Verlage beteiligen Autoren erst ab einer Verkaufszahl von 5000 Exemplaren – doch diese Grenze wird oft nicht erreicht.

Frage: Haben Sie Kontakt mit dem Originalautor?

Schimmang: Ja, diesmal korrespondiere ich per E-Mail mit Sebastian Faulks. Das hilft, wenn etwas mehrdeutig ist. Die letzte Mail, die ich ihm geschrieben habe, war sinngemäß so: Ich bin jetzt fertig. Und ich bei froh, weil das Buch, dass er geschrieben habe, doch inhaltlich ein Albtraum sei. Er schrieb mir zurück: Ihm sei es beim Schreiben genauso gegangen. Er war auch froh, als es fertig war.

Frage: Ist das Übersetzen für den Autor eine Arbeit für „zwischendurch“, wenn man gerade selbst kein Buch schreibt?

Schimmang: Es ist nah an der eigentlichen Arbeit des Autors dran, am Schreiben. Zwischen zwei Büchern hält man so das Niveau und strukturiert die Tage.

Frage: Wie schnell übersetzen Sie?

Schimmang: Fünf, sechs Seiten pro Tag sind prima. Viel hängt von der Tagesform ab.

Frage: Welches ist der größte Fehler, den man beim Übersetzen machen kann?

Schimmang: Dass man zu ungeduldig wird. Dann wird man nachlässig.

Frage: Haben Sie am deutschen Buchtitel mitgewirkt?

Schimmang: Das Original heißt „Where My Heart Used to Beat“. Also ungefähr „Wo mein Herz schlug“. Das kann man im Deutschen nicht machen, das klingt nach Rosamunde Pilcher oder Lore-Romanen. Also habe ich „Der große Wahn“ vorgeschlagen. Ich freue mich, dass der Verlag diesen Vorschlag angenommen hat.