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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Eine Silbe macht den Unterschied

12.07.2014
Frage: Herr Presler, schreiben Sie die Kunstgeschichte um? Wieso zeigt Edvard Munchs berühmtestes Bild nicht etwa eine Person, die schreit, sondern vielmehr eine, die angstvoll, mit aufgerissenem Mund etwas hört, nämlich den Schrei der Natur?
Presler: Die bisher übliche Interpretation klingt durchaus einleuchtend, ist aber letztlich eine spätere psychologisierende Deutung, die nicht auf den norwegischen Maler zurückzuführen ist. Sie ist irgendwann, vermutlich im Ausstellungswesen des beginnenden 20. Jahrhunderts, aufgekommen. Munch selbst hat den Titel „Der Schrei“ nicht benutzt.

Vortrag in Dangast

Den Vortrag „Edvard Munch. ,Der Schrei (durch die Natur)‘. Ein Gemälde erzählt seine Geschichte“ hält Dr. Dr. Gerd Presler am 24. August, 11.30 Uhr, in der Galerie „KUNSTraum“, Kuranlage Deichhörn, in Dangast. Um Anmeldung wird gebeten unter der Rufnummer  04451/27 77.

Der Referent aus Weingarten spricht auf Einladung der Franz-Radziwill-Gesellschaft. Der Freund und Kenner Radziwills hat ein Verzeichnis von dessen Druckgrafik herausgegeben.

Frage: Worauf basieren Ihre Erkenntnisse?
Presler: Auf einem Tagebucheintrag Munchs, in dem es heißt: ­­„...Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück – zitternd vor Angst – ich fühlte den großen Schrei in der Natur... Ich malte dieses Bild – malte die Wolken wie wirkliches Blut – die Farben schrien.“ Nach bisherigem Kenntnisstand gab es acht solcher Einträge. Diese Zahl trifft nicht mehr zu. Im Munch-Nachlass konnte ich weitere Unterlagen finden und insgesamt 15 Stellen nachweisen. Der früheste Nachweis geht auf das Jahr 1891/92 zurück, der vermutlich letzte auf 1930/35. Es ist also ein zentrales Thema, das Munch über Jahrzehnte beschäftigt hat.
Frage: Wie sind Sie darauf gekommen?
Presler: Forschungsarbeit vollzieht sich in der Sichtung von Archivbeständen: Nach mehrjährigen Studien zu Munch und Aufenthalten in Oslo habe ich 2003 das Werkverzeichnis der Skizzenbücher herausgegeben. Skizzenbücher sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Und sehr häufig sind sie eine Mischung aus Zeichnen und Schreiben, so dass man den Künstler als Maler und Literaten erlebt. Da erfährt man manches, was man woanders nicht erfährt.
Frage: In wessen Auftrag haben Sie das Werkverzeichnis veröffentlicht?
Presler: Für das Munch-Museum in Oslo. Der damalige Museumsdirektor Arne Eggum wusste, dass ich zuvor die Skizzenbücher von Ernst Ludwig Kirchner in Davos bearbeitet und veröffentlicht hatte. Nun wollte er die Skizzenbücher Munchs im gleichen Sinne bearbeitet sehen.
Frage: Und Sie hatten den Vorteil, dass Sie fließend norwegisch sprechen.
Presler: Damit erfüllte ich gleich zwei Voraussetzungen: Vor- und Sprachkenntnisse.
Frage: Sind sind Sie dabei auf die eingangs erwähnten Einträge gestoßen?
Presler: Ja, aber die Tragweite habe ich zunächst nicht erfasst. Sie erinnern sich vielleicht, dass 2012 eine der vier „Schrei“-Gemäldefassungen bei Sotheby’s in New York versteigert wurde. (Die Pastellversion von 1895 erzielte den Rekordpreis von rund 120 Millionen Dollar, Anm. d. R.). Nach verschiedenen Anfragen im Vorfeld der Auktion bin ich wieder in das Thema eingestiegen. Schon etwas früher hatte ich erfahren, dass man in Oslo vorangekommen war mit der Transkription der handschriftlichen, auf Norwegisch verfassen Texte des Malers, die ab 2010 ins Internet gestellt wurden. Durch gezieltes Suchen habe ich herausgefunden, dass die Zahl der Texte, die sich auf das „Geschrei durch die Natur“ beziehen, weit höher liegt, als in der Literatur angegeben.
Frage: Erfährt man davon nur in Ihren Vorträgen?
Presler: Zunächst ja – zum Teil. Eine Veröffentlichung steht an. Ich habe mein Manuskript fertig, bin aber mit diesem Thema äußerst vorsichtig. Ich weiß, was bei mir auf dem Schreibtisch liegt.
Frage: Das heißt?
Presler: Ein Manuskript mit solchen Ergebnissen und zu einem solchen Werk ist etwas Besonderes, eine wissenschaftliche Kostbarkeit. Da muss ich mir den Veröffentlichungsort und -zeitpunkt sehr genau überlegen.
Frage: Vieles ist im Netz schon nachzulesen. Stört Sie das?
Presler: Nein, gar nicht. Verzeichnet sind Anfänge. Wir stehen am Ende eines Irrtums. Neuere und gar neueste Ergebnisse sind dort nicht berücksichtigt. Und so überraschend ist es letztlich dann doch wieder nicht, denn Munch hatte sich mit Blick auf die Interpretation des Bildes schon 1895 festgelegt. Es gibt eine Lithographie-Fassung des Werkes, und unter einige Exemplare schrieb er den Titel „Geschrei“. Auch in bisher nicht beachteten Briefen an Freunde hat Munch sein Bild – wohlgemerkt in deutscher Sprache – so genannt. Auf der in New York versteigerten Version steht ebenfalls handschriftlich „Ich fühlte das große Geschrei in der Natur“.
Frage: In Ihrem Vortrag, den Sie in Dangast halten wollen, planen Sie auch einen Schlenker zu Franz Radziwill.
Presler: Es gibt eine interessante, geradezu aufregende Veränderung im Bildgeschehen: Bei Edvard Munch bedroht die Natur den Menschen, reißt ihn in wortlose Angst. Bei Franz Radziwill bedroht der Mensch die Natur, die sich fürchten muss vor seinem Zugriff.
Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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