Im Dezember 1991 – vor 25 Jahren – einigten sich zwölf europäische Staatschefs auf den Vertrag zur Europäischen Union. Er trat am 1. November 1993 in Kraft. Wie groß war damals Ihr Vertrauen?

SinnIch habe damals den Euro als großes europäisches Integrationsprojekt begrüßt. Ich erinnere mich, dass es schon seinerzeit Diskussionen darüber gab, ob der Euro nicht eine Gemeinschaftshaftung bedeuten könnte. Da dies in den Maastrichter Verträgen aber ausgeschlossen worden war, wähnte ich mich auf der sicheren Seite.

Und wenn Sie heute auf Europa schauen – wie stabil ist die EU eigentlich noch ?

SinnDie EU ist heute in einer existenziellen Krise. Verantwortlich dafür ist der Euro. Er hat die südlichen Mitgliedsländer erst in eine inflationäre Kreditblase getrieben und dann, als sie platzte, in die Massenarbeitslosigkeit gestürzt. Ein weiterer Grund ist das Migrationsgeschehen. Es zeigt, dass Europa sicherheitspolitisch nicht handlungsfähig ist. Die Europäer haben zwar eine Währungsunion eingeführt, aber die Hauptsache, die für eine politische Integration nötig ist, nämlich eine Sicherheitspartnerschaft, die wurde übersehen.

Die Briten haben im Juni für den Brexit gestimmt. Was wären die schwerwiegendsten Folgen für die EU ?

SinnMit dem Brexit schwindet das Gleichgewicht zwischen den staatsgläubigen, mediterranen Ländern Südeuropas – einschließlich Frankreichs – und den liberaleren, freihandelsorientierten Ländern des Nordens – dem ehemaligen DM-Block und Großbritannien. Im Lissabon-Vertrag hatte man zur Herstellung des Gleichgewichts zwischen diesen beiden Gruppen eine Sperrminorität für Entscheidungen des Ministerrates von 35 Prozent der jeweiligen Bevölkerung eingebaut, Das passte auch einigermaßen, weil der DM-Block durch Großbritannien verstärkt wurde. Scheiden die Briten aus der EU aus, stellt sich ein Ungleichgewicht zugunsten der mediterranen Länder ein. Die südlichen Länder können durchregieren. Europa gerät aus den Fugen.

Was bedeutet das für die Bundesrepublik?

SinnFür das äußerst exportintensive Deutschland würde die Situation schwierig werden. Die Verschiebung innerhalb der EU zugunsten der mediterranen Länder würde sich vor allem negativ auf den Freihandel mit der ganzen Welt auswirken. Darauf beruht aber der Erfolg der deutschen Wirtschaft in besonderem Maße. Der Freihandel ist jetzt – einerseits durch die Ereignisse in der EU und andererseits wohl auch durch die wirtschaftlichen Intentionen Donald Trumps – bedroht. Deutschland wird das Nachsehen haben.

Die Briten wollen weiter wirtschaftliche Vorteile genießen, die ihnen die EU-Mitgliedschaft geboten hat?

SinnWas die Briten wollen, ist Freihandel mit der EU. Diese Forderung halte ich für berechtigt, denn Freihandel nützt allen Beteiligten. Wenn die Briten ihre Produkte in die EU verkaufen können, dann genießen die europäischen Verbraucher die niedrigeren Preise für die importierten Waren aus Großbritannien. Gleiches gilt umgekehrt, so dass der Lebensstandard auf beiden Seiten angehoben wird. Verwehrt die EU den Briten den Freihandel, schneidet sie sich ins eigene Fleisch.