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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Fast jeder Missbrauch wird heute gefilmt und ins Netz gestellt

03.12.2019

Frage: Immer neue spektakuläre Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch – zuletzt in Lügde und Bergisch Gladbach. Ist die Dimension größer als angenommen?

Rörig: Diese Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Sexueller Missbrauch findet überall – auch in unserem eigenen Umfeld – statt. Das müssen wir uns vor Augen halten. Sexuelle Gewalt ist für viele Tausende Mädchen und Jungen in Deutschland trauriger Alltag. Das gehört zum Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland. Die Dimension der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hat sich auch durch die Möglichkeiten der digitalen Medien verändert. Es gibt heute fast keinen Missbrauch, der nicht gefilmt und dann häufig ins Internet gestellt wird. Das bringt zusätzliche Belastungen mit sich. Der riesige Markt für Kinderpornografie muss ausgetrocknet werden.

Frage: Jetzt nimmt ein Nationaler Rat zur Bekämpfung von sexuellem Missbrauch die Arbeit auf. Was soll ein weiteres Gremium bringen?

Rörig: Schutz und Hilfen müssen verbindlich werden. Wir müssen dringend vernetzter und bereichsübergreifender zusammenarbeiten. Gerade trafen sich die Spitzen aus der Kinder- und Jugendhilfe, Justiz, Wissenschaft und Forschung, Wohlfahrt, Pflege, dem Sport, des Bundeskriminalamts und des Deutschen Kinderschutzbunds. Wir wollen alle Kräfte bündeln, um Mädchen und Jungen bestens Schutz und Hilfe zu gewähren. Wir müssen diese hohen Fallzahlen hinter uns lassen. Es gibt immer noch Defizite. Wir brauchen eine nationale Strategie. Das ist das Ziel des Nationalen Rates, den Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) und ich konstituiert haben.

Frage: Warum wird es Ergebnisse des Rates erst im Sommer 2021 geben?

Rörig: Wir richten vier Arbeitsgruppen ein: Schutz und Hilfe, kindergerechte Justiz, Ausbeutung und internationale Kooperation, Wissenschaft und Forschung. Diese vier Arbeitsgruppen werden durchgehend arbeiten, und es werden weitere Experten hinzugezogen. Es geht nicht darum, Papier zu produzieren, sondern darum, konkrete Ergebnisse gemeinsam zu erarbeiten. Dafür wollen wir Verbindlichkeit. Diese gab es beim Runden Tisch 2010/11 nicht, hier wurden nur Em­pfehlungen ausgesprochen. Mein Ziel ist, dass wir das Maximum gegen sexuelle Gewalt in Deutschland tatsächlich tun.

Johannes-Wilhelm Rörig (geboren 1959) ist unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Andreas Herholz Korrespondentenbüro Berlin
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