Viele Menschen beobachten zurzeit Gänse, die zurück in Richtung Osten ziehen. Führen die warmen Temperaturen die Tiere in ihr Unglück?

Kruckenberg Es ist tatsächlich so, dass die arktischen Gänse im Winter bei uns sind, weil sie in den sibirischen Brutstätten wegen des Schnees und der Kälte nicht bleiben können. Sie halten sich in einem Bereich mit vier bis acht Grad auf. Für die Gänse ist es energietechnisch sinnvoll, so weit wie möglich an die Heimat heranzufliegen, um bei Brutbeginn vor Ort zu sein. Die Rückreise findet sowieso jedes Jahr um Weihnachten herum statt, das haben wir an markierten Tieren gesehen, die wir im November in Holland gefangen haben. Sie waren im Januar schon am Dollart oder in der Wesermarsch – sie pirschen sich Stück für Stück vor. Wenn es hier Schnee geben sollte, fliegen sie wieder zurück.

Ist dieses Hin- und Her, falls es doch noch Frost geben sollte, nicht eher eine ziemliche Energieverschwendung?

Kruckenberg Frost ist erst mal kein Problem für die Tiere, den Daunenschlafsack haben sie immer dabei. Bitter wird es einfach, wenn Schnee das Gras zudeckt, dann finden sie nichts zu fressen, und dann ziehen sie auch erst weiter. Die Graugänse allerdings fliegen im Winter nach Spanien, haben aber nach und nach angefangen, hier bei uns zu bleiben, weil die Winter nicht mehr so kalt sind. Das ist natürlich alles eine Spekulation – ähnlich wie bei Aktien. Aber eine Gans fliegt in elf Monaten etwa 15 000 Kilometer. Wenn die vom Oderbruch doch wieder an den Jadebusen zurück muss, ist das nur ein kleines Problem.

Aber grundsätzlich stellt der Klimawandel keine Gefahr für die Tiere dar?

Kruckenberg Es gibt zwei kritische Punkte: Die Baumgrenze in der Arktis schiebt sich weiter nach Norden, so dass die Vögel in der Tundra irgendwann keinen Lebensraum mehr haben. Außerdem müssen sie entlang ihres Zugweges geeignete Nahrung finden, auch das wird in Zukunft nicht immer gewährleistet sein. Mehr erfährt man in meinem Buch „Wilde Gänse – Reisende zwischen Wildnis und Weideland“.

Dr. Helmut Kruckenberg ist Biologe, Verhaltensforscher und Gänseexperte in Verden. Er erforscht seit über 16 Jahren Wildgänse in ihren Brut- und Wintergebieten. Mit Sendern ausgestattete Tiere geben Aufschluss über ihr Zugverhalten.