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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Oldenburger Soziologe: E-Sport ist zu kommerziell

15.11.2018
Frage: Herr Alkemeyer, haben Sie selbst schon einmal Fifa an der Konsole gezockt?
Thomas Alkemeyer : Nein, habe ich nicht. Das ist sicher auch eine Generationenfrage. Meine Söhne haben gezockt, sodass ich mich ein bisschen auskenne.
Frage: Dann wissen Sie nicht, ob man dabei tatsächlich richtig ins Schwitzen kommt . . .
Alkemeyer: Doch. Es gibt sportwissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass auch E-Sport nicht nur mit einer erheblichen nervlichen, sondern auch körperlichen Belastung einhergeht, die durchaus mit traditionellem Sporttreiben zu vergleichen ist. Insofern zieht das vom DOSB und einigen Sportwissenschaftlerinnen vorgebrachte Argument, E-Sport könne nicht Sport sein, weil Sport den Einsatz der Kräfte des eigenen Körpers erfordere, nicht. Auch E-Sport verlangt körperliche Aktivität und Fitness.
Frage: Der Deutsche Olympische Sportbund, der darüber entscheidet, was als Sport gilt, wehrt sich gegen die Aufnahme des E-Sports. Warum?

Diskussion über E-Sport in Oldenburg

Der Stadtsportbund Oldenburg veranstaltet am Montag, 19. November (18.30 Uhr), eine Diskussionsrunde zum Thema „eSports – das e steht für ...?“ im Großen Clubraum des Kulturzentrums PFL. Niklas Timmermann, Vizepräsident vom eSport-Bund Deutschland, hält einen Vortrag. Eine Anmeldung ist erforderlich unter 0441/9266332. Thomas Alkemeyer (Bild, 62) ist seit 2001 Professor für Sport und Gesellschaft an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Außerdem ist er seit 2012 Professor für Soziologie und Sportsoziologie.

Alkemeyer: Das Argument, beim Sport müsse es sich um körperliche Aktivität handeln und Schweiß vergossen werden, ist für mich nicht entscheidend. Es ist extrem schwierig, Sport über Wesensmerkmale zu definieren. Sport beziehungsweise das, was eine Gesellschaft unter Sport versteht, wandelt sich historisch. Das, was wir unter Sport verstehen, zeichnet sich nicht durch allgemeine, unveränderliche Merkmale, sondern durch „Familienähnlichkeit“ aus, ein Begriff des Philosophen Ludwig Wittgenstein.
Frage: Was meint er damit?
Alkemeyer: Dass man nicht exakt definieren kann, was ein Spiel ist. Und dennoch wissen wir, was gemeint ist, wenn wir von Spiel sprechen, weil sich Spiele ähnlich sind, ohne über allgemeine Merkmale zu verfügen. Ebenso verhält es sich mit dem Sport. Wir bekommen ein großes Problem, wenn wir Sport über fixe Merkmale zu definieren versuchen, etwa, dass Sport nur ist, was der körperlichen Ertüchtigung dient. Dann müsste man sich auch beispielsweise über Sportschützen streiten, ganz abgesehen von Schachspielern.
Frage: Beides war oder ist vom DOSB anerkannt.
Alkemeyer: Deswegen scheinen mir körperliche Eigenaktivität und Ertüchtigung als Argumente dafür, Sport zu sein, nicht tragfähig.
Frage: Ein anderes Argument des DOSB ist, dass der Sport für Werte wie Fairplay steht. Zum E-Sport gehören aber auch sogenannte Ballerspiele wie „Counter-Strike“, die als gewaltverherrlichend gelten.
Alkemeyer: Ich habe eine gewisse Sympathie für dieses Argument, aber auch in diesem Fall kommt man in Argumentationsprobleme. Denn vollkommen unabhängig vom Inhalt eines Spiels können die Spieler unter Bedingungen der Fairness und der Gleichheit im Wettkampf gegeneinander antreten, auch bei „Ballerspielen“. Außerdem: Auch Sport kann gewaltförmig sein, und zwar nicht nur das Boxen, in dem Verletzungen des Gegners durchaus in Kauf genommen werden; gleichwohl gibt es Regeln des Fairplay, des anständigen Verhaltens. Und auch der moderne Fünfkampf kann seine Herkunft aus dem militärischen Mehrkampf schwerlich verbergen. Es gibt also anerkannte olympische Sportarten, über die man diskutieren müsste, wenn die Frage der Gewalt entscheidet.
Frage: Was ist für Sie dann der entscheidende Punkt, ob E-Sport nun ein Sport ist?
Alkemeyer: Die Frage danach, was eine Gesellschaft als Sport anerkennen möchte und was nicht. Mein Standpunkt, auch wenn er antiquiert klingen mag: Spiele, die hauptsächlich privatwirtschaftlich aus kommerziellem Interesse heraus organisiert werden, sollten das nicht hinter dem Titel „Sport“ verstecken dürfen. Und sie sollten schon gar nicht in einen Sportverband aufgenommen werden, in dem sie dann auch staatliche Leistungen in Anspruch nehmen und den Status der Gemeinnützigkeit erlangen können.
Frage: Aber im Profisport spielt der Kommerz doch auch eine entscheidende Rolle?
Alkemeyer: Das ist für mich kein Gegenargument. Auch von Profiabteilungen, etwa im Fußball, wird unter anderem von Gerichten gefordert, sie sollten aus dem Verein ausgegliedert werden, weil sie wirtschaftlich und nicht gemeinnützig handeln.
Frage: Gibt es noch weitere Gründe?
Alkemeyer: Ich finde zudem hochproblematisch, dass auch im E-Gaming enorme Datenmengen als Profitressource produziert werden. Kommerzielle Spiele-Hersteller sammeln diese Daten, können mit ihnen Nutzerprofile erstellen, personenbezogene Werbung betreiben, sie in die Entwicklung neuer Spiele einfließen lassen. Das sind rein kommerzielle Verwertungszusammenhänge, die durch die Rubrizierung als „Sport“ verschleiert werden.
Frage: Fußball-Bundesligisten wie Werder Bremen oder Schalke 04 haben sich dem E-Sport geöffnet, die EWE Baskets Oldenburg sind ebenfalls aufgesprungen. Geht es nur ums Marketing und das Generieren von noch mehr Geld?
Alkemeyer: Ich will nicht ausschließen, dass auch sportliche Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Die Vermischung zwischen realen und virtuellen Spiel- und Sportpraktiken ist durchaus interessant, verändert womöglich auch Spielverständnisse. Aber es geht eben auch darum, Jugendkulturen als neue Nutzermilieus zu erschließen, die Geld in die Kassen fließen lassen. Neue Spielbedürfnisse werden eingespannt zur Erschließung von Märkten.
Frage: In Frankreich ist E-Sport bereits als Sport anerkannt, in Skandinavien ein Schulfach, in Asien ein Milliardengeschäft. Warum tut sich Deutschland so schwer?
Alkemeyer: Es ist schwierig, das auf kulturelle Differenzen zurückzuführen. Das traditionelle Sportverständnis in Deutschland ist stark gekoppelt an Werte der Bildung, der Anständigkeit, der Gemeinschaftlichkeit und des Gemeinwohls. Auch das macht es deutschen Sportverbänden schwer, E-Sport einfach mal so anzuerkennen. Ich bin selten einig mit der Politik des DOSB, aber in diesem Falle finde ich es nachvollziehbar, dass man skeptisch ist gegenüber der Aufnahme von E-Sports – auch wenn mich nicht alle der in diesem Zusammenhang vorgebrachten Argumente überzeugen, etwa die Betonung körperlicher Leistung und Ertüchtigung.
Frage: Ist dieser Trend denn überhaupt noch aufzuhalten?
Alkemeyer: Nein. Deswegen ist meine Position, das gestehe ich ein, recht schwach, vielleicht hilflos. Dennoch möchte ich an ihr festhalten und davor warnen, dass der Sport kommerziellen Interessen ohne Widerstand Tür und Tor öffnet.
Lars Blancke
Redakteur
Sportredaktion
Tel:
0441 9988 2033

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