• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

„Gute Arbeitgeber wertschätzen die Auszubildenden“

05.10.2016
Frage: Frau Jürgensen, laut DGB-Studie müssen viele Auszubildende Überstunden leisten, das Arbeitsklima leidet darunter. Wie sehen Sie die Lage – insbesondere im Nordwesten?
Jürgensen: Derzeit geben 34,8 Prozent der Auszubildenden an, dass sie regelmäßig Überstunden ableisten müssen, das sind im Vergleich zum letzten Jahr zwar 3,3 Prozent weniger. Im Einzelhandel, bei Hotelfachleuten, Köchen sowie bei Malern und Lackierern fallen die meisten Überstunden an, in Großbetrieben, bei Bankkaufleuten, Mechatronikern, Elektronikern für Betriebstechnik die wenigsten – diese Tendenz ist im Nordwesten genauso zu verzeichnen wie auf Bundesebene. Eine Ausbildung ist ausschließlich dazu da, einen Beruf zu erlernen.
Frage: Was sollten Unternehmen tun, damit sich Auszubildende wohl fühlen?
Jürgensen: Das Unternehmen muss für eine gute Ausbildung sorgen. Der Arbeitgeber muss sich an den Ausbildungsrahmenplan halten, der die notwendigen Inhalte sowie den zeitlichen Rahmen vorgibt und auf dieser Grundlage einen betrieblichen Ausbildungsplan erstellen. Er benötigt motiviertes Ausbildungspersonal mit guten fachlichen und pädagogischen Kenntnissen und räumt den Ausbildern auch genügend Zeit für die Ausbildung ein. Ein guter Arbeitgeber wertschätzt den Auszubildenden und lobt auch mal nach vollendeter Tätigkeit. Wir müssen in Deutschland insgesamt zu einer Feedback-Kultur kommen, viele Unternehmen leben leider immer noch nach dem Spruch „nicht geschimpft ist halb gelobt“, das ist falsch und zielt an der Realität vorbei.
Frage: Worin liegen die Gründe dafür, dass die Arbeitsbedingungen bei vielen Unternehmen nicht optimal sind?
Jürgensen: Die Gründe sind sehr vielschichtig und von Branche zu Branche und von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Eine allgemeine Aussage wäre hier nicht redlich. Zusammenfassend kann man aber sagen, dass, wenn Auszubildende regelmäßig Überstunden leisten, ausbildungsfremde Tätigkeiten (10,6 Prozent – Tendenz steigend) verrichten, keine adäquate fachliche Anleitung (8,2 Prozent) erhalten oder statt ihren Wunschberuf die dritte oder vierte Alternative annehmen mussten, dann ist es aus unserer Sicht sehr nachvollziehbar, dass die Jugendlichen frustriert und demotiviert sind, in dem Unternehmen die Ausbildung bestmöglich abzuschließen. Glücklicherweise ist aber der Großteil der Auszubildenden (71,7 Prozent) mit der Ausbildung zufrieden, jedoch bedeutet das auch, dass 28,3 Prozent es nicht sind.
Frage: Viele Jugendliche haben Schwierigkeiten beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. Was kann verbessert werden?
Jürgensen: Es gibt schon viele gute Initiativen und Kooperationen zwischen den Akteuren Schule, Agentur für Arbeit, den Kammern und Unternehmensverbänden, um den Schülern einen einfachen und reibungslosen Übergang zu gewährleisten. Dies muss weiter ausgebaut werden. Zusätzlich müssen mehr Unternehmen ausbilden. Es ist nicht hinnehmbar, dass wir einerseits von Fachkräftemangel sprechen, aber andererseits nur jedes fünfte Unternehmen ausbildet. Wir benötigen ein vielfältiges Angebot an Ausbildungsplätzen, damit Jugendliche eine wahre Berufswahl erhalten.
Frage: Der Wettbewerb um Azubis wird immer härter. Was müssen Betriebe jungen Menschen anbieten?
Jürgensen: Unternehmen sollten mehr Transparenz herstellen und den Interessenten aufzeigen, dass sie im Unternehmen wertgeschätzt werden, dass die Ausbildung gut organisiert und strukturiert ist und sie am Ende eine gute Perspektive im Unternehmen haben werden. Dies gilt sowohl für eine unbefristete Übernahme als auch für spätere Aufstiegschancen im Unternehmen. Darüber hinaus ist auch eine gute Bezahlung wichtig. Neue Smartphones, Kreuzfahrten oder Ähnliches sind da weniger hilfreich.
Frage: Welche Perspektiven haben Jugendliche nach der Ausbildung, und wie viel Sicherheit kann und sollte ein Unternehmen jungen Menschen geben?
Jürgensen: Junge Menschen brauchen eine Perspektive. Sie stehen am Anfang ihres Lebensweges und wollen ihre Zukunft planen, vielleicht sogar eine Familie gründen. Befristete Beschäftigungsverhältnisse, Leiharbeit, unfreiwillige Teilzeit bieten diese Sicherheit nicht. Nach bestandener Ausbildung einen guten, nach tarifvertraglichen Regeln festen Arbeitsplatz zu erhalten, ist genau die Perspektive, die sie benötigen.
Frage: Gerade auch mit Blick auf den Fachkräftemangel: Was muss getan werden, um bisher vernachlässigte Bevölkerungsgruppen für die Berufsausbildung zu gewinnen?
Jürgensen: Wir müssen jedem jungen Menschen die Möglichkeit bieten, einen Beruf zu erlernen, ob Junge oder Mädchen, ob schwarz oder weiß, ob mit Handicaps oder ohne. Wir dürfen keinen zurücklassen. Natürlich müssen wir – also Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Kammern und Agenturen – dafür passgenaue Instrumente entwickeln, vielleicht auch mal die Ausbildungszeiten verlängern, eben alte Pfade verlassen und auch neue Wege gehen.
Sabrina Wendt
Redakteurin
Wirtschaftsredaktion
Tel:
0441 9988 2042

Weitere Nachrichten:

DGB | Bundesagentur für Arbeit

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.