Du machst Pop, Soul und Jazz, bist mit Big Bands und dem NDR Sinfonieorchester aufgetreten – woher kommt diese Bandbreite?

Mutzke Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Musik wirklich gelebt wurde. Mein Vater ist zwar Gynäkologe, spielt aber Schlagzeug in einer Band, die er seit 30 Jahren pflegt. Er hat extrem viele Konzerte besucht – und ich wollte immer mit. Also bin ich mit ihm mittags zu gynäkologischen Fortbildungen gegangen, und danach haben wir irgendein Jazz-Konzert besucht.

Wen habt Ihr Euch angehört?

Mutzke Da war mein Vater ganz uneingeschränkt, sei es B.B. King, Herbie Hancock, Miles Davis aber auch die Crusaders, James Brown und viele Instrumentalisten. So hat sich mein Horizont entwickelt – wenn auch ganz klar in Richtung Black Music.

Du bist durch eine Casting-Show bekannt geworden. Die meisten, die so ins Rampenlicht kommen, verschwinden schnell wieder. Warum ist es bei Dir anders?

Mutzke Stefan Raab hatte schon vorher gesagt: „Wir werden jemanden finden, von dem wir in zehn Jahren noch hören.“ Das Team um Stefan wollte etwas mit Qualität aufbauen, keinen Künstler, der im ersten Jahr verheizt wird. Es sollte eine Karriere mit einem guten Image sein. Das hat zu meiner Natur gepasst. Ich war nie jemand, der groß auf Partys gegangen ist – also das, was jetzt der Rote Teppich oder die Aftershow-Party wäre. Diese Veranstaltungen, wo man eigentlich nichts zu tun hat.

Ist also alles Planung?

MutzkeEs kommt noch etwas dazu, das vielen fehlt. Viele, die zu Casting-Shows gehen, können zwar singen. Man merkt aber oft, dass es kein Fundament gibt, keine Substanz. Das spüren die Leute ganz schnell, und vor allem spürt es die Presse. Für mich war von klein auf Musik der Mittelpunkt – und ich glaube, das merkt man. Auch wenn es lange gedauert hat, bis das Feuilleton wahrgenommen hat, dass die Casting-Show nur das Sprungbrett war.

Würde man den Musiker Max Mutzke ohne dieses Sprungbrett heute kennen?

MutzkeStefan sagt, ich wäre trotzdem irgendwann irgendwo aufgetaucht. Ich glaube daran aber bis heute nicht.

Warum?

MutzkeNach der Hauptschule habe ich meine Zukunft in der Musik gesehen. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich zu viele Kompromisse eingehen muss, um Geld zu verdienen. Das hatte für mich alles einen extremen Zwang. Deshalb bin ich mit 18 wieder zur Schule gegangen, habe mein Abitur nachgemacht und gedacht, dass Musik ein Hobby bleiben wird.

Und dann kam Raab...

Mutzke Und die Musik hat mich wie ein Tsunami überrollt und mitgenommen.

Hattest du Angst, dass Du immer nur der Typ bleiben wirst, den Raab zum ESC geschickt hat?

MutzkeAm Anfang fühlte es sich wirklich so an. Die ersten beiden Jahre haben wir schließlich extrem viel zusammen gemacht.

Irgendwann hast du dich aber von ihm emanzipiert...

MutzkeDas war auf jeden Fall wichtig für mich. Ich hatte drei große Stempel auf der Stirn: den Casting-Show-Stempel, den Grand-Prix-Stempel und den Stefan-Raab-Stempel. Und die abzuwaschen hat schon ein paar Jahre gedauert. Aber ich bin immer noch sehr gut mit Stefan befreundet.

Du hast mit einigen Jazz-Größen gearbeitet. Musstest du dir deren Respekt erst verdienen?

Mutzke Im absoluten Mainstream bin ich nur eine mittlere Nummer. Aber ich wurde schon früh von Leuten akzeptiert, die für mich die wahren Stars sind – Nils Landgren, Klaus Doldinger, Wolfgang Haffner oder Götz Alsmann. Das ist genau die musikalische Entwicklung, die ich mir als Kind vorgestellt habe. Ich spiele auf den gleichen Festivals, bei denen ich mit meinem Vater war. Ich habe immer gedacht, das sind bloß naive, kindliche Gedanken. Und jetzt stehe ich mit Klaus Doldinger auf der Bühne und habe das Gefühl: Da gehöre ich hin.