Der Skandal um fehlerhafte Bandscheiben-Prothesen verunsichert die Patienten. Wie kann der Einsatz minderwertiger Implantate verhindert werden?
JürgensenFür alle betroffenen Patienten eine wirkliche persönliche Katastrophe und gleichzeitig auch ein unglaublicher Missstand, dass ein neues, klinisch nicht erprobtes Implantat mit zweifelhaften Ergebnissen in den Vorstudien eine CE-Zertifizierung in Deutschland überhaupt erhalten und auf den Markt gebracht werden konnte. Seit geraumer Zeit fordern auch die Fachgesellschaften, dass neu entwickelte Implantate zunächst alleinig in Schwerpunkt-Zentren mit lückenloser Dokumentation und wissenschaftlicher Aufarbeitung der Ergebnisse eingesetzt werden dürfen. Jeder Patient, der mit einem solchen Implantat versorgt wird, muss über den Studiencharakter und die damit verbundenen erhöhten Risiken umfänglich aufgeklärt werden. Nur so kann eine Vertrauensbasis überhaupt wiederhergestellt werden.
Rückenleiden sind eine der Hauptursachen für Krankschreibungen und Arbeitsunfähigkeit in Deutschland. Haben die Deutschen schwerer zu tragen – oder werden die Rücken schwächer?
JürgensenDie Ursachen der Rückenschmerzen sind vielfältig. Im „schweren Tragen“ sind sie eher selten begründet. Das Gros der Rückenschmerzen hat harmlose Ursachen, die durch Muskelverspannungen ausgelöst werden. Und hier kommt der „schwache Rücken“ ins Spiel. Überwiegend sitzende Tätigkeiten mit Bewegungsmangel und wenig Sport führen zu einer schwachen Bauch- und Rückenmuskulatur mit mangelnder Haltefunktion des Rumpfes und Begünstigung der Muskelverspannungen. Kommt dann zu einem fehlenden oder schwachen Rumpfmuskelkorsett Übergewicht hinzu, begünstigt das nicht nur die Fehlhaltung der Wirbelsäule, sondern führt auch zu einer Belastung der Bandscheiben und Wirbelgelenke mit verfrühtem und übermäßigem Verschleiß.
Studien haben ergeben, dass die Zahl der Rücken-OPs je nach Region in Deutschland stark schwankt. Wie kommt es zu diesen Schwankungen – und wann ist eine OP überhaupt erforderlich?
JürgensenDie Kritik, dass Ärzte und Kliniken rein aus Gewinnstreben unnötige Wirbelsäulenoperationen durchführen, wird immer wieder geäußert. Aus meiner Sicht kann dieser Verdacht nur in seltenen Fällen bestätigt werden, das Gros der Wirbelsäulenchirurgen stellt die Indikation für eine Operation sehr streng und sorgfältig. Bei Zweifeln kann eine zweite ärztliche Expertenmeinung sehr sinnvoll sein. Das erlebe ich immer wieder in meiner Praxis. Wichtig ist, dass der Patient so weit über seine Erkrankung, die Behandlungsoptionen und Vor- und Nachteile mit allen Risiken aufgeklärt ist, dass er in den Entscheidungsprozess mit einbezogen werden kann. Bei der Mehrzahl der Rückenleiden reicht eine konservative Behandlung aus und eine Operation kann vermieden werden. Bei anhaltendem Versagen einer umfänglichen konservativen Behandlung muss eine Operationsindikation neu überlegt werden.
Dass der Rücken mal schmerzt, kennt jeder – auf welche Alarmsignale sollte man achten und wann einen Arzt aufsuchen?
JürgensenBei länger als eine Woche anhaltenden Rückenschmerzen oder auch Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in die Beine oder Arme oder Gefühlsstörungen sollte ein Arzt aufgesucht werden. Eine sofortige Vorstellung beim Facharzt für Orthopädie oder Neurologie bzw. Neurochirurgie ist erforderlich bei akuten Lähmungen an Beinen oder Armen, genau so wie bei plötzlich auftretender Blasen- oder Mastdarmschwäche. Diese Situationen sind absolute Notfälle, die eine unverzügliche Diagnostik und meist auch Operation erfordern.
Priv.-Doz. Dr. Ingke Jürgensen (57) ist Direktorin der Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum Oldenburg, verwaltet eine Professur für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Carl von Ossietzky Universität und ist zertifizierte Wirbelsäulenchirurgin mit jahrzehntelanger Erfahrung.
