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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Intensive Wahrnehmung ist Bürde und Geschenk zugleich

20.08.2015
Frage: Frau Professorin Schreier, wie erleben hochsensible Menschen ihre Umwelt?
Schreier: Diese Personen nehmen Sinnesreize schneller und intensiver wahr als andere Menschen. Geräusche sind lauter, Farben greller, Gerüche intensiver oder Berührungen stärker. Etwa ein Fünftel aller Menschen sind vermutlich hochsensibel.
Frage: Welche Folgen hat diese intensive Wahrnehmung?
Schreier: Einerseits kann es bei Betroffenen leicht zu einer Überreizung oder Überforderung kommen. Sie sind schnell erschöpft und ziehen sich zurück. Andererseits schauen Hochsensible genauer hin und können sich hervorragend in andere einfühlen.
Frage: Wie ist der Forschungsstand zu diesem Phänomen?
Schreier: Die Forschung zur Hochsensibilität steht noch ganz am Anfang. Das möchten wir ändern, um dem Thema mehr Anerkennung und den Betroffenen mehr Verständnis und Hilfe zu verschaffen. In der Ratgeberliteratur ist der Begriff stark vertreten, das zeigt das große Interesse der Öffentlichkeit und den Bedarf an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des Themas.
Frage: Was interessiert sie besonders an Hochsensibilität?
Schreier: Ich interessiere mich insbesondere für den Zusammenhang mit Umwelterkrankungen. Es gibt klare Hinweise, dass manche Aspekte der Hochsensibilität beispielsweise mit Unverträglichkeiten gegenüber Zigarettenrauch, Parfüm oder Kosmetika zusammenhängen. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Umweltkrankheit zu leiden, ist bei Hochsensiblen deutlich höher als bei anderen Menschen.
Frage: Gibt es auch positive Aspekte?
Schreier: Hochsensible sind Reizen und feinen Unterschieden gegenüber sehr offen, und Betroffene können das vielfach durchaus genießen. Sie können beispielsweise Natur intensiv erleben, sich in Kunstwerke vertiefen oder selbst künstlerisch tätig sein. Außerdem sind Hochsensible sehr mitfühlend. Ich selbst empfinde meine Hochsensibilität als Bürde und Geschenk gleichermaßen.

Prof. Dr. Margrit Schreierist Psychologin und Professorin an der Bremer Jacobs University. Sie ist selbst hochsensibel und arbeitet an einem Fragebogen zur Erfassung von Hochsensibilität, um das Phänomen wissenschaftlich zu definieren.


Infos unter   www.jacobs-university.de 
Greta Block
Volontärin
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003

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