Herr Seiters, am 19. August 1989 wurde anlässlich des sogenannten Paneuropäischen Picknicks der Grenzzaun zwischen Ungarn und Österreich geöffnet. Plötzlich war auch für Hunderte von DDR-Bürgern der Weg in den Westen frei. Wie haben Sie damals als Kanzleramtsminister dieses Ereignis erlebt?

SeitersDie Monate August und September waren in der Tat dramatisch. Ich musste als Kanzleramtsminister die Ständige Vertretung in Ost-Berlin schließen, weil sie mit 130 Flüchtlingen absolut überfüllt war. Von da an begannen die Verhandlungen mit der Führung der DDR. Vor diesem Hintergrund war das, was sich in Ungarn entwickelt hat, für uns alle von größter Bedeutung. Dieser 19. August war ein Signal.

Die ungarische Regierung ging noch weiter…

SeitersJa, am 25. August gab es damals ein Geheimgespräch des ungarischen Ministerpräsidenten Miklós Neméth, des Außenministers Horn und des Botschafters Horvarth mit Helmut Kohl auf Schloss Gymnich bei Bonn. Da gab es die historische Zusage, dass Ungarn in den nächsten Wochen die Grenzen nach Österreich für alle Deutschen öffnet. Die ungarische Haltung war sehr hilfreich für uns und schwächte die Position der DDR-Führung. Der Druck wurde größer. In Prag kletterten die DDR-Bürger bereits über die Zäune unserer Botschaft.

Damals haben Sie noch nicht geahnt, dass das der Beginn des Weges in die Deutsche Einheit war, oder?

SeitersNein, das hat man noch nicht einmal am 30. September gedacht, als Außenminister Hans-Dietrich Genscher und ich nach Prag flogen und Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft den DDR-Flüchtlingen mitteilte, dass sie endlich ausreisen können. Wir haben im August und September nicht an die schnelle Wiedervereinigung geglaubt. Nicht einmal nach dem Fall der Mauer, als der Autoritätsverfall der DDR-Führung dramatisch sichtbar wurde. Erst am 19. Dezember, als Helmut Kohl in Dresden an der Ruine der Frauenkirche sprach, und von Zigtausenden von Menschen begeistert begrüßt wurde, waren wir überzeugt, dass die Einheit kommt und es keinen Sinn mehr macht, Verträge mit der Regierung Modrow abzuschließen. Da war klar, dass wir auf die Wiedervereinigung zusteuern. Deswegen erinnern wir immer wieder daran, dass die Ungarn damals den Zaun und die Grenze geöffnet haben war eine wunderbare Nachricht. Wir sind den Ungarn zu großem Dank verpflichtet. Das sollten wir nie vergessen. Während der Regierung Helmut Kohl ist die Dankbarkeit gegenüber der Regierung in Budapest auch stets erkennbar gewesen. Wir haben auch finanziell geholfen, und die wirtschaftlichen Beziehungen waren gut. Auch die politischen Beziehungen waren ausgezeichnet.

Heute steht Ungarns Regierungschef Viktor Orban in der Kritik, wegen seiner Politik und der Verletzung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte. Wie lässt sich dieser Wandel erklären?

SeitersNatürlich wird die ungarische Politik heute kritischer betrachtet. Dennoch: Wir müssen Ungarn unglaublich dankbar sein, sonst hätte es die deutsche Einheit nicht gegeben und der Eiserne Vorhang wäre womöglich nicht gefallen.