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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

„Die Diskussion greift zu kurz“

05.09.2017
Frage: Herr Dr. Welte, die Gefährdung durch Stickoxide wird derzeit in Deutschland hitzig debattiert. Von Tausenden Toten Jahr für Jahr ist da gelegentlich die Rede...
Welte: Da würde mich interessieren, woher diese Zahlen kommen. Meines Wissens gibt es keine einzige belastbare Untersuchung über die gesundheitlichen Folgen und Auswirkungen von Stickoxiden.
Frage: Dass Stickoxide schädlich sind, ist aber doch unstrittig.
Welte: Natürlich, ich will das nicht bagatellisieren. Stickstoffdioxid ist ein Reizgas, das in hoher Konzentration die Lungen schädigen kann. Die Frage ist nur, in welcher Konzentration. Wir haben in den Städten in Deutschland einen Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Aus meiner Sicht ist das ein willkürlich festgesetzter Grenzwert, der mit keinerlei wissenschaftlicher Studie unterlegt ist. Es ist ja kein Zufall, dass wir in Europa unterschiedliche Grenzwerte haben, mal ganz abgesehen von den viel höheren Grenzwerten bei der Arbeitsstättenverordnung.
Frage: Wie verlässlich sind denn die Messungen, die jetzt zur Diskussion über Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge geführt haben?
Welte: Es ist doch offensichtlich, dass es sich um punktuell gemessene Werte handelt, die von vielen Faktoren abhängig sind. Eine Inversionswetterlage, die Windstärke, die Temperatur haben sicher größeren Einfluss auf die Messergebnisse als etwa der Verkehr. Die Messungen sind vor allem eines nicht: übertragbar auf größere Gebiete. Stickoxid ist ein flüchtiges Gas, dessen Konzentration sich schon innerhalb weniger Meter verändern dürfte.
Frage: Woher kommt dann aus Ihrer Sicht die derzeitige Aufregung über Stickoxide?
Welte: Das ist sicher eine Folge des Abgasskandals in der Autoindustrie, bei dem es ja in erster Linie um Diesel-Fahrzeuge geht, die als Stickoxid-Produzenten gelten. Die Hysterie erinnert mich aber auch sehr an die Ozon-Debatte vor mehr als zehn Jahren, in deren Verlauf es ebenfalls Fahrverbots-Forderungen gab. Heute redet kaum noch jemand darüber. Ozon und Stickoxid sind in ihrer Schädlichkeit durchaus vergleichbar, meines Erachtens aber in ihrem Gefährdungspotenzial überschätzt.
Frage: Also eigentlich alles bestens?
Welte: Ganz im Gegenteil. Ich glaube nur, dass die Diskussion über Stickoxide zu kurz greift. Eine viel größere Gefahr droht aus meiner Sicht als Mediziner durch Feinstaub. Und da besonders Feinstaub mit kleinsten Partikeln, die tief in das Lungengewebe eindringen und zu schweren Schäden, auch zu Tumoren, führen können.
Frage: Wo sehen Sie da die Ursachen?
Welte: Natürlich trägt auch der Verkehr dazu bei, aber eben nicht alleine. Vor allem sind da nicht in erster Linie Diesel-Fahrzeuge die Verursacher. Will man mit Fahrverboten reagieren, dürfte dann gar nichts mehr rollen, nicht einmal Elektroautos, die ebenfalls Feinstaub produzieren. Eine größere Feinstaubbelastung gibt es auch im Winter. Inzwischen gilt es ja als schick, zu Hause auch mit Holzpellets zu heizen. Auch das erhöht die Feinstaubkonzentration deutlich. Und zu Silvester mit den vielen Feuerwerken oder auch zu Ostern durch die Osterfeuer steigt die Konzentration ebenfalls stark.
Frage: Was also tun?
Welte: Zunächst einmal sollte man ein bisschen Geld in die Hand nehmen und endlich mal eine wissenschaftlich belastbare Studie über die Gefährdung durch Stickoxide in Auftrag geben. Und dann würde ich insgesamt zu etwas mehr Gelassenheit raten. Die Politik möchte gerne einfache Antworten, die es so nicht immer gibt. Und die Menschen sind verunsichert. Vielleicht sollte man einfach mal bedenken, dass die durchschnittliche Lebenserwartung sich in jedem Jahr um drei Monate erhöht. So schlecht geht es uns also gar nicht. Ich finde es ganz bezeichnend, dass ausgerechnet da in Deutschland, wo es zum ersten Mal eine Fahrverbotsdiskussion gab, die durchschnittliche Lebenserwartung am höchsten ist: in Stuttgart.

Professor Dr. Tobias Welte ist Direktor der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, Sprecher des Deutschen Zentrums für Lungenforschung und Vizepräsident der European Respiratory Society (ERS).

Thomas Haselier / Archiv
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