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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Interview: „Freue mich über jeden in der Kirche“

14.09.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-09-14T05:07:50Z 280 158

Interview:
„Freue mich über jeden in der Kirche“

HEUER: Sie haben kürzlich in Ihrer Heimat mit Familie und Freunden Ihren 65. Geburtstag gefeiert. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie wieder Richtung Dresden unterwegs waren?

Timmerevers: Natürlich zunächst die Familie. Aus der Distanz merke ich, wie wichtig Familie und Heimat sind. Von Vechta aus konnte ich die über Jahre gewachsenen Freundschaften gut pflegen. Das alles ist aufgrund der Entfernungen nicht mehr ganz so einfach. Aber es gibt ja Telefon und andere Kommunikationsmöglichkeiten.

Heuer: Wieweit lesen Sie noch Nachrichten aus dem Oldenburger Land?f

Timmerevers: Jede Woche erhalte ich die Kirchenzeitung aus Münster, da lese ich natürlich gerne die Seiten des Offizialatsbezirks, ebenso die Homepage. Meine Aufmerksamkeit hat sich inzwischen aber ganz hierher verlagert. Ich lese eine Dresdener Tageszeitung. Für mich ist immer noch vieles neu. Vorgestern habe ich das erste Mal zusammen mit den evangelischen und katholischen Bischöfen von Thüringen am Gespräch mit der Landesregierung in Erfurt teilgenommen, da ein Teil unseres Bistums in Thüringen liegt. Gestern war ich mit allen Ruhestandspriestern zusammen, die mich fragten, ob ich schon in Tschechien und Polen gewesen sei. Bei den Bischöfen in Breslau und Prag habe ich einen Besuch gemacht, weitere Besuche bei den Nachbarbischöfen in Polen und Tschechien stehen noch aus. Im Bistum habe ich annähernd alle 97 Pfarreien kurz besuchen können. Das war mir sehr wichtig, um das Bistum in der ganzen Fläche wahrzunehmen und die Menschen kennenzulernen.

HEUER: In Ihrem Alter arbeiten die meisten Menschen nicht mehr. Sie aber starten noch einmal durch und haben noch zehn Jahre vor sich. Haben Sie sich schon überlegt, wo Sie Ihren Ruhesitz nehmen wollen?

Timmerevers: Nein! Ich bin gerade erst einmal angekommen und dabei, das Bistum in allen Facetten wahrzunehmen. Ich fühle mich gesund und habe viel Freude daran, mich der neuen Aufgabe zu widmen. Und das mache ich gern! Ich bin in dieser wunderschönen Stadt Dresden nicht zum Urlaubmachen, sondern ich habe einen Auftrag, der mich ganz in Anspruch nimmt und mich auch ganz erfüllt.

HEUER: Wieweit unterscheidet sich Ihr Alltagsleben von dem in Vechta?

Timmerevers: Ich lebe hier mitten in einer großen Stadt mit vielen Touristen. Mir fehlt das Grün der Bäume einerseits, dafür habe ich in unmittelbarer Nähe die Elbe mit den Elbwiesen. Wenn ich auf die Straße gehe, werde ich in der Regel nicht erkannt. Es ist eher die Ausnahme, dass ich angesprochen werde.

HEUER: Sie wechselten von einem finanziell wohlhabenden Kirchengebiet in eine Kirchenregion, die auf Hilfe von außen angewiesen ist. Wieweit hat das Ihre Sicht bezüglich Geben und Nehmen verändert?

Timmerevers: Wir sind dankbar dafür, dass die westdeutschen Bistümer uns mit ihrer Solidarität helfen. Ohne diese Hilfe hätten wir wohl keine kirchlichen Schulen und könnten nicht so viele Caritasdienste anbieten. Diese Unterstützung werden wir auch in Zukunft benötigen. Die Bischofskonferenz gibt uns aber auch hohe Standards etwa im Bereich IT-Datenschutz vor, auch die Ansprüche an eine gut und schnell funktionierende Verwaltung sind gesetzt. Das ist für kleinere Bistümer eine Herausforderung.

HEUER: Spüren Sie jetzt einen größeren Verantwortungsdruck auf ihren Schultern?

Timmerevers: Nein. Als Offizial in Vechta habe ich immer wieder das Gespräch mit dem Bischof von Münster gesucht. In wichtigen Fragen konnte ich mich mit ihm abstimmen und gemeinsam mit ihm nach Lösungen suchen. Das ist jetzt ein wenig anders. Ich stehe als Bischof einer Ortskirche in der Letztverantwortung. Ich habe hier gute Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die das Bistum seit Langem kennen. Das ist ein Segen für mich und hilft mir, meinen Aufgaben nachzukommen.

HEUER:  Mit Pegida und AFD herrscht hier ein anderes politisches Klima als im Oldenburger Land. Wieweit mischen Sie sich in öffentliche Diskussionen ein?

Timmerevers: Da bin ich sehr zurückhaltend. Für mich ist wichtig zu verstehen, wie die Menschen hier agieren und weshalb das so ist. Die westdeutsche Perspektive passt da oft nicht. Mir war zum Beispiel nicht wirklich bewusst, dass sich mit der Friedlichen Revolution praktisch für alle Menschen im Osten das Leben total verändert hat. Die errungene neue Freiheit war ein Glücksfall, es gab Gewinner, aber eben auch Verlierer. Das wird in westdeutscher Perspektive häufig nicht gesehen. Mit Pegida und anderen Parteien und Gruppen äußert sich die Sorge, unter neuen Bedingungen die Errungenschaften wieder zu verlieren. Die Motive des Protestes sind sehr unterschiedlich. Man muss genau fragen, was die Menschen bewegt, sich so auf die Straße zu begeben. Als Christen suchen wir den Dialog und treten für die unantastbare Würde des Menschen ein. Hasstiraden, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar. Das bringen wir immer wieder ins Wort. Daher ist der Dialog unverzichtbar. In einer demokratischen Gesellschaft gibt es keine andere Möglichkeit.

HEUER: Einige Gruppierungen warnen angesichts der Flüchtlingsströme vor dem Zerfall des christlichen Abendlandes. Wovor haben Sie mehr Angst? Vor einer Überfremdung unserer Gesellschaft von außen oder der hausgemachten schleichenden Entchristianisierung?

Timmerevers: Eine Überfremdung der Gesellschaft nehme ich hier in Sachsen nicht wahr. Um einem Wertezerfall entgegenzuwirken, ermutige ich jeden Christen, sich mit seiner Überzeugung einzubringen. Als Christen müssen wir auskunftsfähiger werden. Es ist eine Aufgabe der Kirche, die Menschen in ihrem Glauben zu stützen und zu stärken. Wir werden uns allerdings auch daran gewöhnen müssen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Religion in den unterschiedlichsten Facetten präsent ist, manchmal eben auch kaum spür- und sichtbar.

HEUER: Können Sie Ihr neues Bistum in fünf Adjektiven beschreiben?

Timmerevers: Vielfältig, klein, stark, sympathisch, zuversichtlich.

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