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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

„Grundschulen brauchen endlich eine Lobby“

17.07.2019
Frage:
Herr Solf, es gibt bereits eine ganze Reihe von Lehrerverbänden – warum musste nun noch ein Verband der Grundschulleiter in Niedersachsen her?
Solf: Es gab bisher keinen Verband, der sich expliziert für die Belange der Grundschulleitungen einsetzte. Und die Grundschulen wie die Leitungen der Grundschulen brauchen endlich eine Lobby, um für die Anerkennung ihrer herausfordernden Aufgaben und für dringend notwendige Verbesserungen öffentlichkeitswirksam und politisch einzutreten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kämpft zumeist und zuerst für die Lehrkräfte der Schulen – was sehr gut und wichtig ist, aber die Belange der Schulleitungen werden nur selten in den Fokus genommen.
Frage: Schwächen Sie damit nicht die anderen Interessenvertretungen?
Solf: Nein. Wir treten für eine strukturelle Veränderung des Bildungssystems ein. Wir haben beschlossen, sehr eng mit den anderen bildungspolitischen Verbänden zusammenzuarbeiten.
Frage: Sie sagen, Sie fühlen sich von den anderen Verbänden/Gewerkschaften nicht ausreichend vertreten. Was sind dabei Ihre Hauptkritikpunkte?
Solf: Offenbar standen die Grundschulen und vor allem deren Leitungen bisher nicht in ausreichendem Fokus der Verbände. So sind für die Lehrkräfte und Schulleitungen des Sekundarbereichs I und II verschiedene Verbesserungen durchgesetzt worden. Die Grundschulen fielen meistens hinten runter, weil die Belastungen der Grundschulen kaum wahrgenommen wurden, obwohl sie an der Basis – zu Beginn einer Schullaufbahn eines Kindes – überaus wichtige Aufgaben erfüllen, auf die die weiterführenden Schulen gut aufbauen können.
Frage: Wo sehen Sie die drängendsten Probleme für Grundschulen beziehungsweise deren Leitungen?
Solf: Die Grundschulen sind in besonderer Weise mit heterogenen Lernsituationen konfrontiert: Das beginnt mit der kognitiven wie auch sozialen Spannbreite von etwa drei Jahren Unterschied zu Schulbeginn und umschließt die vielfältigen Probleme der Inklusion von Schülern aller Unterstützungsbedarfe. Nicht zu vergessen die oft erheblichen Fragestellungen von Migration und Sprachförderbedarfen. Erziehungsschwierigkeiten von Kindern stellen die Grundschulen oft vor unzumutbare Problemlagen. Und die Schulleitungen unterliegen seit langer Zeit einer Dauerüberlastung aufgrund eines Spagats zwischen pädagogischer Schulentwicklung, Verwaltungsarbeit, Personalführung und Zuarbeit für den Schulträger. Dringlich sind für die Leitungen der Grundschulen Entlastungen: Das beginnt bei der Reduktion der Unterrichtsverpflichtung, um den anderen Aufgaben gerecht werden zu können. Das setzt sich fort bei der Unterstützung der Schulleitung durch eine Stellvertretung, die mit ausreichend hoher Stundenzahl für ihre Schulleitungsaufgabe entlastet werden muss.
Frage: Wie sieht es denn an anderen Schulformen aus?
Solf: An Oberschulen und Gymnasien stehen den Schulleitern mehr oder weniger große Schulleitungsteams zur Seite. Besondere Aufgaben, die Lehrkräften übertragen werden, etwa die Stufenleitung, werden mit Stundenentlastungen und mit Besoldungszuschlägen honoriert. Dieses alles gibt es für Grundschulen nicht. Hier ist dringender Handlungsbedarf. Und apropos Honorar: Die Besoldung der meisten Grundschulleitungen entspricht in keiner Weise der Arbeitsbelastung und der Verantwortung – vor allem auch nicht im Vergleich zu den anderen Schulformen. Hier muss dringend ein neues System eingeführt werden.
Frage: Häufig werden die Stellen mehrfach erfolglos ausgeschrieben: Warum finden so viele Grundschulen in Niedersachsen keine Rektoren?
Solf: In Niedersachsen sind derzeit 180 Schulleiterstellen vakant, 32 davon aus wichtigen Gründen wie zum Beispiel das Auslaufen der Schulform. Von den verbleibenden 148 Vakanzen sind 96 Grundschulen betroffen, aber nur sieben Gymnasien. Von den 96 offenen Grundschulleiter-Stellen sind 77 seit mehr als einem halben Jahr vakant – in der Regel mit mehr als zwei Neu-Ausschreibungen. Zum Vergleich: Nur vier Gymnasien, zwei Realschulen und zwei Oberschulen sind landesweit länger als ein halbes Jahr vakant. Das spricht doch Bände: Grundschulen sind im besonderen Maße Verlierer der Bildungspolitik – die Rahmenbedingungen für Grundschulleitungen sind besonders schwierig, oftmals unzumutbar. Welche Lehrkraft entscheidet sich dann für eine Bewerbung auf eine Schulleiterstelle? Das sind in der Regel nur Idealisten – und die erleben ihre Arbeit dann schnell als übergroße Belastung.
Frage: Was macht den Beruf dennoch attraktiv oder würden Sie mittlerweile sogar selbst davon abraten, Grundschul-Rektor zu werden?
Solf: In der Tat ist die Funktion des Schulleiters ein neuer Beruf – so wird es vom niedersächsischen Kultusministerium beschrieben. Was fehlt, ist eine regelrechte Ausbildung für diesen Beruf. Im Prinzip hat kein Leiter Verwaltung oder Finanzwirtschaft gelernt und ist doch damit reich konfrontiert. Aber dennoch: Hier sind zumeist echte Idealisten am Werk. Lehrkräfte, die bereit sind, für Schülerinnen und Schüler Schule zu gestalten und sich dann für eine Leitungsstelle entscheiden. Lehrkräfte, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, die Freude am Beruf haben und hoffen, durch eine Leitungsfunktion „das Schiff Schule“ auf richtigen Kurs bringen zu können. Und ehrlich gesagt: Diese Aufgabe macht über weite Strecken auch Spaß. Insofern raten wir nicht ab, Grundschulrektor zu werden. Aber wir müssen uns solidarisch zusammenschließen – wie wir es jetzt tun. Letztendlich auch für die Gesundheit der Schulleiter und Schulleiterinnen – und damit für die Lehrerkollegien und vor allem für die Schülerinnen und Schüler.
Lars Laue Korrespondent / Redaktion Hannover
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