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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Karls hartnäckigster Widersacher

03.03.2018
Frage: Herr Focken, Widukind ist eine der Hauptfiguren in Ihrem Roman. Wie ist es für Sie, in Wildeshausen eine Lesung abzuhalten?
Focken: Das ist ein gutes Gefühl! Hier ist der Sachsenherzog noch ein Thema. Als ich bei der Gilde-Buchhandlung anrief mit dem Lesungs-Vorschlag, sagte man dort nach drei Sekunden ja. So schnell geht es sonst nicht. Südlich der Main-Linie haben die wenigsten Leute von Widukind gehört.
Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Bücher zu schreiben, die in dieser Zeit spielen?
Focken: Der englische Autor Bernard Cornwell hat mich stark inspiriert. Ich habe vor zehn Jahren mal ein paar Bücher von ihm gelesen. Da dachte ich mir: Hey, sowas müsstest du auch mal machen für das deutsche Mittelalter. Und Karl der Große – das ist ein riesiges Spielfeld. Der hatte über 40 Jahre lang regiert und an fast allen Fronten Europas gekämpft – da gibt es Geschichten für 100 Bücher. Und ich dachte mir: Heroische Figuren in Karls Umfeld beziehungsweise unter seinen Feinden kann man auf diese Weise wiederbeleben und vielleicht etwas popularisieren. Mein Krieger Arnulf ist so fiktiv wie Shatterhand, klar; aber Widukind ist eben echt. Er war die überragende Figur des sächsischen Widerstandes, von 772 bis 785 nach Christus. Hätte Karl zwischendurch aufgegeben, dieser Widukind wäre quasi als Superstar in die Geschichte eingegangen. Der Mann hat unser Interesse verdient. Vor allem: Wir sollten Geschichten über ihn erzählen. So wie Engländer und Schweizer und Hollywood-Autoren Geschichten über Robin Hood, Wilhelm Tell oder „Braveheart“ William Wallace erfinden.
Frage: Erfinden – Sie meinen, weil historisch wenig überliefert ist?
Focken: Zum einen das. Zum anderen: Robin Hood und Tell sind herrliche Beispiele für erfundene National-Helden. Von denen viele Leute annehmen, sie hätten gelebt – gerade, weil es so viele Geschichten gibt. Widukind hingegen existierte. Er hat sich vor den Franken so oft verstecken können, ist so oft durch ihre Fänge geschlüpft, dass wir daraus schließen können: Er muss enorm beliebt gewesen sein, bei den Großen, aber wohl auch bei einfachen Bauern und Kriegern. Sonst hätte ihn früher oder später jemand ans Messer geliefert. Ferner muss dieser Herzog ein enormes Charisma gehabt haben: Wenn er wieder aus seinen nordelbischen Fluchtorten zurückkam, schlossen sich ihm die Sippen und Teilstämme sogleich wieder an, um abermals gegen Karls Franken anzutreten. Das wäre ohne eine große Ausstrahlung kaum möglich gewesen.
Frage: Also sollten wir uns mehr mit Widukind beschäftigen?
Focken: Weiß Gott – er ist nicht mehr als ein dunkler Schemen auf der untersten Regalebene der Rumpelkammer, in der unsere geschichtlichen Heroen nach 1945 landeten. Mit Karl dem Großen beschäftigen wir uns heute noch intensiv – aber mit Widukind? Überhaupt gar nicht. Und das finde ich sehr schade. Die Geschichte der NS-Zeit saugt heute 60 bis 70 Prozent unseres Geschichtsinteresses auf. Und bei den alten Heroen überlegen wir jetzt immer, waren die vielleicht gar „Vorbereiter Hitlers“? Das schmerzt! Die Deutschen haben offiziell dem Heldentum abgeschworen – aber eben nur in ihren eigenen Geschichtserzählungen: Da blüht das Genre der Huren, Hebammen und Heilerromane. Der Politologe Herfried Münkler sprach mal von einem post-heroischen Zeitalter, in dem wir leben würden. Das mag auf unsere Intellektuellen zutreffen. Alle anderen strömen in die Kinos, um Brad Pitt und Mel Gibson gegen Engländer, Schotten oder auch Deutsche kämpfen zu sehen. Oder lesen Romane von Cornwell… . Die Lust auf Heldendramen wird niemals aussterben. Das ist eine schöne Chance für Wildeshausen, sich mit dieser Zeit ernsthafter zu beschäftigen. Warum nicht einmal im Jahr ein Festspiel à la „Widukind contra Karl“?
Frage: Wie haucht man einer Person Charakter ein, die man nur von Überlieferungen kennt?
Focken: Eine gute Frage! Ich dachte, ich muss diesen Kerl mal neu erfinden, und zwar als Politiker. Zumal er durch die Historienliteratur des 19. Jahrhunderts als blonder, blauäugiger Vorzeige-Recke geistert, mit der charakterlichen Tiefe eines Pappkameraden. Die Sachsen waren zerstritten und zersplittert, hatten kein politisches Zentrum. Widukind verbrachte wahrscheinlich einen Gutteil seiner Zeit damit, die einzelnen Sippen und Stämme zu vereinen. Zu dieser einen großen Kampfanstrengung gegen Karls Panzerreiter. Der Herzog ist bei mir aber auch ein Mann aus Fleisch und Blut, mit ebensolchen Bedürfnissen: ich habe ihm zwei Frauen angedichtet. Das ist, wenn Sie so wollen, eine kleine Referenz an die Jetzt-Zeit: Mehr als eine Ehefrau, Leute, führt irgendwann ins Desaster.
Frage: Sie scheinen etwas wie Stolz auf diese Figur zu empfinden?
Focken: Erraten! Und die echten Westfalen dürfen das sicher auch. Wäre Widukind Amerikaner, käme jedes Jahr ein neuer Film auf den Markt plus Videospiel, oder? In Wildeshausen darf man das Gefühl haben: Über diese Erde ist der alte Herzog vielleicht auch mal gestiefelt. Er hat Karl den Großen mehr geärgert als irgendjemand sonst – das können wir mit einem Augenzwinkern als politische Großleistung stehenlassen.
Frage: Was können die Besucher von Ihrer Lesung erwarten?
Focken: Ich möchte das Interesse an Ihrem Lokalmatador ein bisschen steigern beziehungsweise auffrischen und setze dabei auf einen Dialog mit dem Publikum. Und weil selbst Historiker gerne mal „aktuell“ sind, bringe ich die Gesetze über das zwischengeschlechtliche Miteinander vor 1200 Jahren mit – Me-Too-Debatte damals, sozusagen. Die Ergebnisse, soviel darf ich vorwegnehmen, sind überraschend.
Verena Sieling Wildeshausen / Redaktion Wildeshausen
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