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Aktualisiert vor 1 Minute.

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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

„Kirche muss Abstand wahren“

02.05.2018
Frage: Zu Weihnachten ist „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt nach der Christmette der Kragen geplatzt. In einem vielbeachteten Tweet beklagte er, er habe sich wie bei den Jusos oder der Grünen Jugend gefühlt. Hat er, wenn man die Gesamtlage der evangelischen Kirche betrachtet, recht?
Mai: Es geht ja mehr Menschen so wie Herrn Poschardt. Deswegen hat der Tweet auch so eingeschlagen. In der Tat haben wir zu verzeichnen, dass nicht nur in der evangelischen, sondern auch in der katholischen Kirche eine gewisse Politisierung stattfindet, die sich dann auch in Predigten niederschlägt. Das heißt, man bekommt manchmal den Eindruck, dass der Pastor die taz besser kennt als die Bibel.
Frage: Ist das zu viel Politik?
Mai: Ja, freilich. Wenn ich über Politik diskutieren will, dann kann ich entweder zu einer Veranstaltung der Stiftungen der Parteien, der Zentralen für Politische Bildung oder zu einer Podiumsdiskussion gehen. Aber in der Kirche doch nicht! In der Kirche soll Gottesdienst stattfinden, nicht Menschendienst.
Frage: Nun war die Kirche ja zu allen Zeiten aufseiten der Eliten. Wird mit der von Ihnen beklagten Politisierung da nicht einfach nur eine Tradition fortgeschrieben?
Mai: War sie das? Wenn Sie sich die Geschichte der Kirche ansehen, dann finden Sie alle Strömungen der Gesellschaft in der Kirche. Nehmen Sie das Dritte Reich: Sie haben sowohl die Deutschen Christen, die sich zu Adolf Hitler bekannt und damit an Eliten gekettet haben, als auch zur gleichen Zeit die Bekennende Kirche. Das heißt: Natürlich ist Kirche eine Einrichtung, die von Menschen gemacht wird. Damit ist sie immer auch fehlbar. Und deswegen auch meine Streitschrift! Kirche muss sich immer wieder erneuern. Sie muss immer wieder auf den Pfad des Glaubens zurückkehren. Und – da haben Sie recht – Kirche sollte sich fernhalten von politischen Einflussnahmen, von Eliten und Mächtigen.
Frage: Brauchen wir aus eben diesen Gründen dann nicht eine noch stärkere Trennung von Staat und Kirche? Brauchen wir eine Reform des Staat-Kirchen-Verhältnisses?
Mai: Nein, das brauchen wir nicht. Wir haben ja kein laizistisches Modell, sondern ein kooperatives. Die Zusammenarbeit von Staat und Kirchen ist etwas grundsätzlich Erhaltenswertes. Ich bin auch nicht dagegen, dass Kirche politisch ist. Ich bin dagegen, dass sie aus einem parteipolitischen Aspekt heraus politisiert wird. Ich bin der Auffassung, dass Kirche wichtiger denn je werden kann. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich stark verändert. Das zeigt sich eben auch in großen Verwerfungen und Auseinandersetzungen. Die Gesellschaft droht zu zerfallen. In einer solchen Situation kann Kirche der letzte Integrator werden, weil Kirche auch für unsere Werte und unsere Geschichte steht. Hier kann Kirche integrieren. Sie kann es aber nicht, wenn sie parteipolitisch agiert. Dann ist sie Teil des politischen Kampfes.
Frage: Kirche sollte sich also enthalten, wenn es zum Beispiel um politische Koalitionen geht – so wie Herr Bedford-Strohm es neulich grade nicht getan hat?
Mai: Vollkommen! Das war völlig überflüssig. Natürlich kann sich Herr Bedford-Strohm als SPD-Mitglied oder Bürger äußern – aber nicht als Ratsvorsitzender der EKD. Das ist ein Thema, das für die Kirche nicht ansteht. Kirche in der Bundesrepublik muss sich auch immer wieder bewusst werden, dass sie Kirche in der Demokratie ist. Wenn ich mich hier politisch engagieren will, kann ich das als Bürger. In einer Diktatur sieht das anders aus. Da muss Kirche auch andere Funktionen wahrnehmen, weil die Bürger nicht politisch mitwirken können. Was Kirche aber in der Demokratie politisch leisten kann ist dies: Wenn Gottesdienste stattfinden, wenn man einen Fortschritt im Glauben erzielt, wenn Christen es immer besser verstehen, ihre christlichen Ideale zu leben, dann nehmen sie dieses Christentum doch mit hinein in die Gesellschaft. Das ist der Punkt, an dem Kirche politisch agiert.
Frage: Nun kann man sagen, in der Asylkrise haben die Kirchen genau das getan. Der Satz „Menschlichkeit kennt keine Obergrenze“ ist ein Ausfluss genau daraus. Wie schätzen Sie das ein?
Mai: Ganz im Gegenteil! Genau in der Flüchtlingskrise hat Kirche das eben nicht getan. Sie hat im Grunde nichts anderes gemacht, als sich mit der Regierung zusammenzuschließen und die Flüchtlingspolitik Angela Merkels zu propagieren, die sehr weitgehend auch den Vorstellungen der Grünen entsprach. Wir haben ja das Wahlergebnis vom vergangenen Jahr nur, weil sich größere Teile der Bevölkerung in der Politik der Parteien, die vorher im Bundestag waren, nicht mehr wiedergefunden haben. Das liegt auch daran, dass die CDU sich nach links bewegt und damit die demokratische Statik dieses Landes durcheinandergebracht hat. Ich will darauf hinaus, dass Kirche da einen gewissen Abstand hätte wahren können.
Frage: Welcher hätte das denn sein sollen?
Mai: Ich halte den Satz „Menschlichkeit kennt keine Obergrenze“ für inhaltsleer oder absurd. Obergrenze hat semantisch nichts mit Menschlichkeit zu tun. Wenn ich sage, ich will Menschen helfen, dann kann ich nicht einfach nur Sätze sagen, die schön klingen. Ich muss auch überlegen, wie denn das im Praktischen, Alltäglichen gelingen kann. Wir müssen auch die Dimension des Tragischen wieder lernen. Das klingt zynisch. Aber es ist so. Es ist tragisch, dass wir nicht allen Menschen auf der Welt helfen können. Wir können nur das schaffen, was unsere Kräfte uns erlauben. Sonst passiert das Gegenteil. Martin Luther sagt in der 46. Ablassthese, der Christ sei zu allererst verpflichtet, sich um sein Hauswesen zu kümmern. Wenn er dann noch Überfluss hat, dann kann und soll er helfen.
Frage: Das klingt nach dem klassischen Widerspruch zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik…
Mai: Absolut! Der größte Fehler war, dass Verantwortungsethik viel zu gering geschätzt worden ist und durch Gesinnungsethik ersetzt wurde. Es gab auch Kirchenvertreter, die das verwechselt haben. Da bekommt man den Eindruck: „Sie ersetzen Glauben durch Gesinnung.“

Profilierter Publizist

Klaus Rüdiger Mai (55) ist Schriftsteller, Dramaturg und Regisseur. Seine Publikationen reichen vom Krimi bis zum historischen Roman und von der Biografie bis zu gesellschaftspolitischen Texten. Mai ist ein streitbarer Protestant, der die evangelische Kirche immer wieder kritisiert.

In der Streitschrift „Geht der Kirche der Glaube aus?“ stellt er die Frage, ob die Kirche sich zu sehr in der Politik verliert. Das Buch ist im April in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erschienen und kostet 15 Euro.

Frage: Was sollten denn die Prioritäten der Kirchen sein? Wo sehen Sie die Hauptaufgaben?
Mai: Die Hauptaufgabe der Kirchen besteht darin, den Glauben zu stärken und bereits in dieser Welt mit der Perspektive der anderen Welt tätig zu sein – nicht darin, sich aus Angst, Menschen zu verlieren, selbst zu säkularisieren. Die Aufgabe ist der Gottesdienst, die Aufgabe ist es, die frohe Botschaft des Evangeliums zu vermitteln und den Christen zu helfen, im Glauben und nach den Vorstellungen des Evangeliums zu leben. Ich habe die Themen einmal in sechs Hauptaufgaben definiert: Bibelstudium, Gottesdienst, Bildung, Diakonie, Mission und Seelsorge.
Frage: Oh, „Mission“ – ein böses Wort…!
Mai: Im Buch werden Sie sehen, dass Mission als letztes steht. Das hat seinen Grund darin, dass, wenn Kirche alle diese Aufgaben richtig erfüllt, sie ja auch missioniert. Nehmen Sie als Beispiel evangelische Bildungseinrichtungen. Da gibt es hervorragende, und wenn die evangelische Kirche das gut macht, dann vermittelt sie ja die christlichen Werte. Dann missioniert sie. Mission bedeutet nicht Proselytenmacherei mit Feuer und Schwert. Mission bedeutet, die Frohe Botschaft allen zu bringen. Der Missionsbefehl steht nun einmal im Neuen Testament. Wir haben nicht das Recht, die Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu Christi den Menschen vorzuenthalten.
Dr. Alexander Will
Leiter Newsdesk
Politikredaktion
Tel:
0441 9988 2092