Herr Beck, der Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz jährt sich in einem Monat zum ersten Mal. Wie groß sind die Wunden, die bei den Hinterbliebenen und Verletzten gebliebenen sind?

BeckDie seelische Betroffenheit, die Erschütterung über Verlust und Verletzungen heilt nicht in einem Jahr. Sehr viele Menschen sind noch traumarisiert und werden weiter behandelt. Es gibt auch Opfer mit schwersten körperlichen Behinderungen, die ein Leben lang bleiben werden. Eine junge Frau hat bei dem Anschlag Vater und Mutter verloren.

Fühlen sich die Verletzten und Hinterbliebenen vom deutschen Staat gut betreut?

BeckDie Allermeisten anerkennen, dass unsere Bemühungen, zu helfen und zu unterstützen, sehr intensiv sind. Es gibt aber auch Menschen, die sind noch voller Verzweiflung, voller Wut, und sagen: Dieser Staat hat uns nicht davor geschützt, dass mein Vater, meine Mutter oder mein Kind getötet worden sind. Dass sie ihren Zorn gelegentlich an mir auslassen, akzeptiere ich. Ich schlucke es einfach herunter.

Was muss bei der Opferbetreuung verbessert werden?

BeckIch werde Anfang Dezember meinen Abschlussbericht vorlegen. Mehrere Maßnahmen sind notwendig. Die Soforthilfe für Hinterbliebene – 10 000 Euro für den Verlust eines Verwandten ersten Grades – ist zu niedrig. Viele Länder zahlen mehr als das Doppelte, das halte ich auch für Deutschland für angemessen. Es ist letztlich eine Art Schmerzensgeld, um in der ersten Zeit nicht auch noch materiell in Not zu geraten.

Muss auch die Betreuung direkt nach dem Anschlag besser werden?

BeckJa, das ist ein weiterer Schritt: Wenn es zu einem Anschlag kommt, muss in Zukunft sofort eine gut erkennbare Anlaufstelle direkt vor Ort eingerichtet werden. Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin wurden Betroffene von den Einsatzkräften verständlicherweise zurückgedrängt. Doch haben sie dann keine Informationen erhalten, was mit ihren Freunden oder Verwandten passiert ist. Sie fühlten sich abgewiesen und im Stich gelassen in den Stunden größter Verzweiflung. Manche haben nächtelang ihre Angehörigen in Krankenhäusern gesucht, obwohl sie tot waren. Bei der Identifizierung der Todesopfer dürfen wir nicht auf das Ergebnis von Genanalysen warten, wenn die Toten im Gesicht nicht entstellt und eindeutig zu erkennen sind oder Papiere dabei haben. Es gab Menschen, die haben drei Tage lang nicht gewusst, ob ihre Angehörigen unter den Opfern sind. Das dürfen wir niemandem zumuten.

Sie selbst wurden am 8. März zum Opferbeauftragten berufen, fast drei Monate nach dem Anschlag. Muss es angesichts der terroristischen Bedrohungslage nicht eine permanente Stelle beim Bund geben, die sofort helfen kann?

BeckWir brauchen einen Apparat, der permanent einsatzbereit ist. Das ist eine weitere meiner Forderungen. Wir können nicht warten, bis wieder etwas passiert, um dann von vorne anzufangen. Es geht um Ansprechstationen zur Vermittlung von Traumata-Hilfen, materieller Hilfe, für ausländische Botschaften und zur Überstellung von Todesopfern. Kurz um: Notwendig ist die Stelle eines Opferbeauftragten beim Bund als Dauereinrichtung. Wir können die Betroffenen nicht alleine lassen.

Der Anschlag hätte verhindert werden können – das hat der Abschlussbericht von Sonderermittler Bruno Jost ergeben. Was bedeutet das für die Betroffenen und Hinterbliebenen?

BeckDas hat die Menschen zutiefst berührt. Viele haben sich verbittert in sich gekehrt. Viele sind einfach wütend geworden. Ich gehöre dazu und konnte meinen Zorn kaum unterdrücken. Es ist klar geworden: Der Staat hat die Menschen nicht ausreichend geschützt. Der Täter ist nicht festgenommen worden, obwohl er Straftaten begangen hatte. Und dass bei der Berliner Polizei versucht wurde, Akten zu manipulieren, um Fehler zu vertuschen, habe ich trotz meiner langen politischen Erfahrung nicht für möglich gehalten.

Am 19. Dezember jährt sich das Attentat zum ersten Mal. Wie wird daran gedacht werden?

BeckEs wird zunächst am Vorabend eine interne Begegnung mit den Angehörigen geben. Am Tag selbst wird das Denkmal offiziell übergeben und ein Gottesdienst abgehalten. Vermutlich im Abgeordnetenhaus in Berlin wird es dann noch eine Gedenkveranstaltung geben.